Waldeck Frankenberg Style

by Patsy Jones

Ok, ich gebe zu: Mir war bereits bekannt, dass es hier im Landkreis Waldeck-Frankenberg viele Menschen gibt, denen die Realität Probleme bereitet. Ich erlebe das ja manchmal an mir, wenn ich meinen Kontostand betrachte und danach unverständlicherweise einen Stadtbummel mache. Mehr oder weniger leben wir alle gelegentlich in einer Welt, die wir uns ein bisschen schönreden. Daran ist nichts verkehrt, denke ich, es ist ein Schutzmechanismus; und solange wir nicht Verantwortung tragen für viele andere, die von unserem Verhalten dann direkt oder indirekt betroffen sind, kann man das ruhig so beibehalten. Das Leben soll ja auch Spaß machen.

Womit wir gleich beim Thema wären: Spaß hatten auch die Menschen in dem folgenden Video.

Sieht man ja. Die tanzen und feiern und haben eine richtig gute Zeit, auf der Sperrmauer am wunderschönen Edersee. Crazy. Da steht ein junges Mädchen am Scheideweg ihres Lebens und weiß nicht so recht, ob es den Ausbildungsplatz in der Großstadt annehmen soll oder doch lieber in Waldeck-Frankenberg bleiben möchte.

Man kennt das. Dutzende Menschen aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg stehen viele Male in ihrem Leben auf der Sperrmauer, mit Zusagen, Abschlusszeugnissen, Erbschaftsstreitunterlagen in der Hand, schauen in das trübe Wasser unter sich und suchen nach Erleichterung, nach einem Zeichen, irgendetwas, dass ihre quälende Ratlosigkeit beendet. Ihr kennt die Bilder von den ganzen ratlosen, innerlich zerrissenen Menschen am Edersee, oder?

Die Überlegungen des jungen Mädchens werden unterbrochen von einem jungen Mann, der plötzlich auftaucht. Tanzend. Er taucht tanzend auf. Innerhalb kürzester Zeit findet sie sich in einer Gruppe vieler tanzender, junger Menschen wieder.

Man kennt das. Entweder herrscht Ratlosigkeit an der Sperrmauer oder eine Mords Stimmung. Ein emotionales Auf und Ab. Dass man da von einer Horde tanzender Jugendlicher überrascht wird, ist also keine Seltenheit.

Kommen wir zu dem Teil des Videos, für den ich mich als Bürger dieses Landkreises nicht so sehr schäme. Der junge Mann hält dem ratlosen Mädchen ein Tablet vor die Nase, um ihr zu verdeutlichen, dass es sich lohnt zu bleiben. Man sieht Bilder aus der Region, viel Natur, ein paar Partyszenen.

Am Ende überzeugen die Aufnahmen die junge Heranwachsende, sie entscheidet sich für den Ausbildungsplatz in einem der größten Unternehmen des Landkreises.

Ich möchte hier einige Fragen klären, die beim Betrachten aufkommen. Zunächst: Was will uns dieses Video sagen? Die Absicht dürfte klar sein: Junge Leute sollen dazu aufgefordert werden, in der Region zu bleiben. Hier haben sie Freunde und Familie, die Aussicht auf einen schönen Job, man hat die Natur vor der Haustür und es gibt doch eigentlich auch genug Freizeitmöglichkeiten.

Nächste Frage: Warum schäme ich mich beim Betrachten dieses Videos so sehr? Ganz einfach: Im Prinzip lohnt es sich, hier zu bleiben. Das sage ich ganz ohne Ironie. Es lohnt sich, hier zu bleiben, allerdings schafft der kurze Film es nicht, das annähernd rüberzubringen, weil man zu sehr den Kopf schütteln muss über die Machart. Über das Drehbuch, den ganzen Gedanken dahinter. Die Idee, eine Gruppe von jungen Leuten zu irgendeinem nicht besonders schönen, vollkommen unbekannten Musikstück den Gangnam Style tanzen zu lassen. Sollte so ein Film nicht auf irgendeine Art und Weise zeitlos sein? Dass man ihn sich in fünf Jahren noch anschauen kann und sagt: Gut gemacht, schöne Bilder, nicht zu übertrieben, nicht so gewollt, nicht so unnatürlich.

Das Problem ist: Die Natur, die Berufschancen, die Freizeitmöglichkeiten – das alles ist da. Wer genau hinschaut und sich ein bisschen Mühe gibt und keine falschen Ansprüche hat, der hat all das hier vor der Nase. Durch so einen Film wird das Ganze traurigerweise ins Lächerliche gezogen. Außenstehende, die  das nicht wissen, sehen den Tanz, hören die nervtötende Musik, sehen das Mädchen einen Zettel, auf dem dick und fett “ZUSAGE!!!” draufsteht zerreißen und denken sich: Was zur Hölle soll das?!

Genau solche Darstellungen sind mitverantwortlich für das Bild, dass Großstädter von dem Treiben auf dem Land haben. Wer in einer ländlichen Region aufgewachsen ist und seine Zellen einigermaßen beisammen hält, der weiß: Hier gibt es eine Menge fantastischer Leute, kreative Menschen, originelle, wachsame, nicht einmal im Ansatz auch nur ein bisschen einfältige Personen. Wer das weiß und dieses Gefühl rüberzubringen weiß, der hätte vielleicht einen Film daraus machen können, der den Menschen keine Gänsehaut beschert.

Wer sich ein bisschen mit der heutigen Generation der 16 – 26jährigen befasst und sich ein bisschen mit dem Treiben in sozialen Netzwerken auskennt, der hätte vielleicht auch die Möglichkeit bedacht, dass dieses Video nicht bei allen gut ankommen würde. Man hat sich auf Facebook schon wegen weitaus weniger peinlichen Aktionen künstlich, oder vollkommen zurecht, aufgeregt.

Hier nun mein Vorschlag, wie man das ganze auch hätte machen können. Er kommt ohne Tänzer aus.

Zwei Szenen. Einmal ein junger Mensch, der sich durch eine sehr belebte Stadt bewegt. Viel unangenehmer Lärm, wenig Platz, viele Menschen, kaum Ausweichmöglichkeiten. Beschleunigter Herzschlag, Hektik, Rauschen in den Ohren. Vielleicht noch andeuten, dass der Mensch gerade unterwegs ist zu einem Rammstein-Konzert. Derselbe Mensch unterwegs mit Freunden, Gelächter, Gespräche, man hört aber nicht, was gesprochen wird, man hört den Wind, der durch die Bäume fährt und klassisches Vogelgezwitscher, aber nicht zu viel davon, wir sind ja keine schwulen Mädchen. Von mir aus kann auch im Hintergrund die Sperrmauer zu sehen sein.

Mehr dazu und zu den Hintergründen gibt es bei der HNA.