So ein Vormittag an so einem Montag im Januar
by Patsy Jones
Ich helfe ihm, seine Einkäufe aufs Band zu legen. Er ist mir auf dem Gang begegnet, da wo es den Kaffee gibt und er hat mich vorgelassen, damit ich mich nicht an ihm vorbei quetschen muss. Er ist langsam, zittrig, unsicherer Gang, er trägt einen Hut und graue Wollhandschuhe schauen aus seinen Jackentaschen hervor. Trübe Augen schauen mich an, sie sind strahlend blau und ich glaube, nein ich hoffe, dass er früher einmal schelmisch mit ihnen geblitzt hat. An der Kasse stehe ich hinter ihm. Er will mich vorbei lassen, weil ich nur ein Netz mit Clementinen, eine Tüte vom Metzger und Paprikas in der Hand halte. Ich lächle ihn an, schüttele mit dem Kopf und sage ihm, dass ich Zeit habe. Meine Einkäufe lege ich an den Rand des Bandes.
Ihm ist anzusehen, wie unangenehm es ihm ist, dass er sich bücken und in den Tiefen seiner Tasche nach dem Brot und dem Joghurt kramen muss, mühselig, immer nur ein Päckchen greifend. Ich helfe ihm, hinter mir werden die Kunden unruhig, aber ich tue es nicht nur deshalb, ich will ihm zeigen, dass er sich nicht schämen muss für sein Alter und seine Gebrechlichkeit und ich habe Angst, dass ich mich später selber jeden Tag schäme für mein Alter und meine Gebrechlichkeit und dass ich allen zur Last falle und mir dann vielleicht kein Mensch hilft im Supermarkt an der Kasse und generell, überall.
Zweimal winke ich ab, als er mir durch Gestik und leise, halb ausgesprochene Sätze zu verstehen gibt, dass ich ruhig vorgehen kann. Er ist es gewohnt, dass um ihn herum alle in Eile sind, niemand hat Zeit, das ist das Gift in unserer Gesellschaft, niemand hat mehr Zeit und niemand schaut sich mehr um und irgendwann leben vermutlich nur noch Arschlöcher auf dieser Welt, die glauben, dass Freundlichkeit irgendetwas mit Spendenkonten zu tun hat, Leute, die vergessen haben oder nie wussten, dass man sie verschenken kann, das kostet nichts, nur einen Moment Lebenszeit. Ich rede ja nicht mal von Nächstenliebe, ich ganz bestimmt nicht, bin ich doch am nächsten Tag vielleicht genau die ungeduldige Person, die erleichtert ist, wenn die zweite Kasse geöffnet wird.
Auf dem Weg zurück muss ich zweimal zwinkern und einmal schlucken und denke mir, dass das Problem nicht die Hilflosen sind und auch nicht die Rücksichtslosen, sondern Menschen wie ich, die nicht konsequent genug sind, sondern immer nur sporadisch hilfsbereit, weil es von uns so unglaublich viele gibt und wir immer in Eile sind, mit den Gedanken woanders und nicht bei dem, was sich vor uns abspielt. Nie bei uns selbst, im Hier und Heute, stattdessen immer bei dem was war und was wird.
Wir wünschen uns, dass die Rücksichtslosen aufhören rücksichtslos zu sein. Und warten ab. Hoffen. Vielleicht wachen wir ja morgen auf und die Gesellschaft ist eine andere. Dieses Abwarten schließt die Hilflosen aus, denen helfen wir damit nicht, denn in deren Richtung schauen wir nicht. Wir schauen immer nur nach denen da oben. Mit dem Kopf im Nacken, bis es weh tut. Bis wir unsere Hände tröstend auf die kleine Stelle legen müssen, die beides zusammen hält, und ohne Aussicht auf Erfolg mit kleinen Bewegungen versuchen die Anspannung zu lösen.
Groß.
Ganz groß.
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(Wuerde jetzt gern was sagen, das es besser macht. Faellt mir aber nicht ein.)
[...] Jones über Freundlichkeit. Über einen alten Herrn im Supermarkt. Über [...]
Also ich glaube, dass keiner was dafür kann und vermutlich auch keiner was dagegen.
Es ist halt wie es ist, ich habe mich dazu entschieden, Nachwuchs in die Welt zu setzen, ggf. versteht/hilft der mir ja, wenn ich alt bin.
ein sehr guter Text, der mich ein paar mal trocken schlucken ließ. warum kann man eigentlich nicht konsequent sein? Ich frage mich das nun auch.
Hut ab wahre Worte!