www.patsyjones.de

Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich alles blöd finde – hier Dinge die ich gut finde: Norwegerpullis, Biker-Boots, Küken, Brüste.

Waldeck Frankenberg Style

Ok, ich gebe zu: Mir war bereits bekannt, dass es hier im Landkreis Waldeck-Frankenberg viele Menschen gibt, denen die Realität Probleme bereitet. Ich erlebe das ja manchmal an mir, wenn ich meinen Kontostand betrachte und danach unverständlicherweise einen Stadtbummel mache. Mehr oder weniger leben wir alle gelegentlich in einer Welt, die wir uns ein bisschen schönreden. Daran ist nichts verkehrt, denke ich, es ist ein Schutzmechanismus; und solange wir nicht Verantwortung tragen für viele andere, die von unserem Verhalten dann direkt oder indirekt betroffen sind, kann man das ruhig so beibehalten. Das Leben soll ja auch Spaß machen.

Womit wir gleich beim Thema wären: Spaß hatten auch die Menschen in dem folgenden Video.

Sieht man ja. Die tanzen und feiern und haben eine richtig gute Zeit, auf der Sperrmauer am wunderschönen Edersee. Crazy. Da steht ein junges Mädchen am Scheideweg ihres Lebens und weiß nicht so recht, ob es den Ausbildungsplatz in der Großstadt annehmen soll oder doch lieber in Waldeck-Frankenberg bleiben möchte.

Man kennt das. Dutzende Menschen aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg stehen viele Male in ihrem Leben auf der Sperrmauer, mit Zusagen, Abschlusszeugnissen, Erbschaftsstreitunterlagen in der Hand, schauen in das trübe Wasser unter sich und suchen nach Erleichterung, nach einem Zeichen, irgendetwas, dass ihre quälende Ratlosigkeit beendet. Ihr kennt die Bilder von den ganzen ratlosen, innerlich zerrissenen Menschen am Edersee, oder?

Die Überlegungen des jungen Mädchens werden unterbrochen von einem jungen Mann, der plötzlich auftaucht. Tanzend. Er taucht tanzend auf. Innerhalb kürzester Zeit findet sie sich in einer Gruppe vieler tanzender, junger Menschen wieder.

Man kennt das. Entweder herrscht Ratlosigkeit an der Sperrmauer oder eine Mords Stimmung. Ein emotionales Auf und Ab. Dass man da von einer Horde tanzender Jugendlicher überrascht wird, ist also keine Seltenheit.

Kommen wir zu dem Teil des Videos, für den ich mich als Bürger dieses Landkreises nicht so sehr schäme. Der junge Mann hält dem ratlosen Mädchen ein Tablet vor die Nase, um ihr zu verdeutlichen, dass es sich lohnt zu bleiben. Man sieht Bilder aus der Region, viel Natur, ein paar Partyszenen.

Am Ende überzeugen die Aufnahmen die junge Heranwachsende, sie entscheidet sich für den Ausbildungsplatz in einem der größten Unternehmen des Landkreises.

Ich möchte hier einige Fragen klären, die beim Betrachten aufkommen. Zunächst: Was will uns dieses Video sagen? Die Absicht dürfte klar sein: Junge Leute sollen dazu aufgefordert werden, in der Region zu bleiben. Hier haben sie Freunde und Familie, die Aussicht auf einen schönen Job, man hat die Natur vor der Haustür und es gibt doch eigentlich auch genug Freizeitmöglichkeiten.

Nächste Frage: Warum schäme ich mich beim Betrachten dieses Videos so sehr? Ganz einfach: Im Prinzip lohnt es sich, hier zu bleiben. Das sage ich ganz ohne Ironie. Es lohnt sich, hier zu bleiben, allerdings schafft der kurze Film es nicht, das annähernd rüberzubringen, weil man zu sehr den Kopf schütteln muss über die Machart. Über das Drehbuch, den ganzen Gedanken dahinter. Die Idee, eine Gruppe von jungen Leuten zu irgendeinem nicht besonders schönen, vollkommen unbekannten Musikstück den Gangnam Style tanzen zu lassen. Sollte so ein Film nicht auf irgendeine Art und Weise zeitlos sein? Dass man ihn sich in fünf Jahren noch anschauen kann und sagt: Gut gemacht, schöne Bilder, nicht zu übertrieben, nicht so gewollt, nicht so unnatürlich.

Das Problem ist: Die Natur, die Berufschancen, die Freizeitmöglichkeiten – das alles ist da. Wer genau hinschaut und sich ein bisschen Mühe gibt und keine falschen Ansprüche hat, der hat all das hier vor der Nase. Durch so einen Film wird das Ganze traurigerweise ins Lächerliche gezogen. Außenstehende, die  das nicht wissen, sehen den Tanz, hören die nervtötende Musik, sehen das Mädchen einen Zettel, auf dem dick und fett “ZUSAGE!!!” draufsteht zerreißen und denken sich: Was zur Hölle soll das?!

Genau solche Darstellungen sind mitverantwortlich für das Bild, dass Großstädter von dem Treiben auf dem Land haben. Wer in einer ländlichen Region aufgewachsen ist und seine Zellen einigermaßen beisammen hält, der weiß: Hier gibt es eine Menge fantastischer Leute, kreative Menschen, originelle, wachsame, nicht einmal im Ansatz auch nur ein bisschen einfältige Personen. Wer das weiß und dieses Gefühl rüberzubringen weiß, der hätte vielleicht einen Film daraus machen können, der den Menschen keine Gänsehaut beschert.

Wer sich ein bisschen mit der heutigen Generation der 16 – 26jährigen befasst und sich ein bisschen mit dem Treiben in sozialen Netzwerken auskennt, der hätte vielleicht auch die Möglichkeit bedacht, dass dieses Video nicht bei allen gut ankommen würde. Man hat sich auf Facebook schon wegen weitaus weniger peinlichen Aktionen künstlich, oder vollkommen zurecht, aufgeregt.

Hier nun mein Vorschlag, wie man das ganze auch hätte machen können. Er kommt ohne Tänzer aus.

Zwei Szenen. Einmal ein junger Mensch, der sich durch eine sehr belebte Stadt bewegt. Viel unangenehmer Lärm, wenig Platz, viele Menschen, kaum Ausweichmöglichkeiten. Beschleunigter Herzschlag, Hektik, Rauschen in den Ohren. Vielleicht noch andeuten, dass der Mensch gerade unterwegs ist zu einem Rammstein-Konzert. Derselbe Mensch unterwegs mit Freunden, Gelächter, Gespräche, man hört aber nicht, was gesprochen wird, man hört den Wind, der durch die Bäume fährt und klassisches Vogelgezwitscher, aber nicht zu viel davon, wir sind ja keine schwulen Mädchen. Von mir aus kann auch im Hintergrund die Sperrmauer zu sehen sein.

Mehr dazu und zu den Hintergründen gibt es bei der HNA.

 

Zitiert

Martin ist jetzt, wie die meisten verbitterten Ex-Hippies, ein Yuppie, und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man mit solchen Leuten umgehen soll. Und bevor jetzt jemand anfängt zu schreien und zu behaupten, Yuppies existieren nicht, wollen wir doch einfach der Tatsache ins Gesicht sehen: Sie existieren doch. Idioten wie Martin, die wie mit Amphetaminen vollgepumpte Vielfraße zuschnappen, wenn sie in einem Restaurant einmal nicht den Nichtraucher-Fensterplatz mit Stoffservietten bekommen. Androiden, die keinen einzigen Witz kapieren und in deren innerstem Wesen etwas Verstörtes und zugleich Boshaftes liegt; sie erinnern an einen unterernährten Chihuahua, der seine winzigen Fangzähne bleckt und darauf wartet, dass man ihm eins in die Fresse haut: eine merkwürdige Ausgeburt der Natur. Yuppies spielen nie um Geld, sie berechnen. Sie haben keine Aura. Schon mal auf einer Yuppie-Party gewesen? Es ist, als wäre man in einem leeren Raum: Leere Hologramm-Leute gehen umher, erspähen sich in Spiegeln und sprühen sich heimlich Binaca-Spray in den Rachen, für den Fall, dass sie eines der anderen Gespenster küssen müssen. Es ist einfach nichts vorhanden.

(Douglas Coupland – Generation X)

Ein Gesundheitsplädoyer

Dieser Artikel, in dem dasnuf über die teilweise auftretende Unfähigkeit von Schulmedizinern schreibt, hat mich daran erinnert, dass ich mich schon vor Wochen in ähnlicher Form darüber aufregen wollte. Und das tue ich hiermit. Das wird jetzt eine flammende Rede und Ode an die Gesundheit.

Ich war in den ersten 10 Monaten dieses Jahres bei mehr Ärzten als in den vergangenen 5 Jahren zuvor. Wie kam das? Ich glaube der Hauptgrund war Panik, die sich langsam angesammelt hat in mir. Panik vor irgendetwas Unbekanntem, einer Krankheit, sowas wie Krebs oder eine Autoimmunkrankheit oder etwas, was nur einer von zwei Millionen Menschen hat. Ich fühle mich seit vielen Jahren müde und kraftlos und Ende 2010 begann ich so langsam aber sicher aus irgendeinem Grund zu glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt. Das war eine Zeit, in der ich ständig daran denken musste, dass meine halbjährliche Kontrolle beim Hautarzt bald wieder ansteht und ich der ich mich der Einfachheit halber mehrmals die Woche von Fastfood ernährt und mein leichtes Fitnesstraining aus Bequemlichkeit aufgegeben hatte. Im Prinzip die drei Faktoren mangelnde Bewegung, falsche Ernährung und innere Anspannung um die es mir auch irgendwie geht in diesem Beitrag.

Im Winter 2010 zog ich mir eine üble Trommelfellentzündung zu. Seitdem ist es jedes Mal dieses rechte Ohr, dass bei einer Entzündung – ob im Hals oder den Nasennebenhöhlen – zuerst auf sich aufmerksam macht. Ein halbes Jahr später, im Sommer 2011, begann ich mich immer müder und schlapper zu fühlen. Von wieder aufgenommenem Fitnesstraining keine Spur. Die innere Anspannung hatte sich soweit beruhigt, das Ernährungsverhalten war jedoch immer noch eine ganze Ecke davon entfernt, als gesund angesehen zu werden.

Im August machte ich einen Termin beim Hausarzt, weil ich unter Bauchschmerzen litt und mein Körper die Nahrungsaufnahme verweigerte. Beim Ultraschall war alles unauffällig, bis auf die Bauchspeicheldrüse. Was genau es war, wurde mir nicht gesagt, ich bekam nur ein Rezept für Enzyme, die ich ein paar Tage einnehmen sollte. Das sind Tabletten, die normalerweise Menschen nehmen, die richtig krank sind, deren Bauchspeicheldrüse nicht mehr funktioniert, deren Fettverdauung vollkommen gestört ist und die unter höllischen Schmerzen leiden, wenn sie mal das Falsche essen. Ich recherchierte im Internet und war unsicher, planlos, geriet ein bisschen in Panik und das gipfelte dann in einer seltsamen Art von Appetitlosigkeit, wie ich sie nie zuvor erlebt habe.

Ich stand morgens auf und fühlte mich wie erschlagen. Ich ernährte mich von Quark, Joghurt, Zwieback und Toast mit Käse, wofür ich eine Viertelstunde brauchte. Dann beschloss ich, die Tabletten wegzuwerfen, der Hunger kam nach einigen Tagen wieder, Blut- und Stuhlprobe waren unauffällig, genauso wie die Darmspiegelung, die vorsichtshalber gemacht wurde.

Eine wirkliche Diagnose habe ich nie erhalten und ich weiß bis heute nicht wieso mir Tabletten verschrieben wurden, die normalerweise nur Leute einnehmen müssen, die unwiederruflich krank und wirklich darauf angewiesen sind. In den folgenden Wochen beruhigte sich das ganze ein wenig, ich schränkte meinen Kaffeekonsum ein, stieg zwei, drei Monate lang komplett auf Tee um und begann mir statt nur einem Glas immer eine volle Flasche Wasser auf den Schreibtisch zu stellen, weil mir bewusst wurde, wie wenig Flüssigkeit ich eigentlich zu mir nehme.

Im November wurde die Schilddrüse gecheckt, alles wie immer ohne nennenswerten Befund, leicht vergrößert, dagegen gibt es Jod-Tabletten, die ich mal nehme, mal nicht nehme, weil ich das Gefühl habe, es macht keinen Unterschied.  Dann kam der Januar 2012, ich fing mir eine Erkältung ein und musste drei Tage lang die schrecklichsten Antibiotika nehmen, die ich je erlebt habe. Normalerweise kenne ich so etwas wie Nebenwirkungen gar nicht (Man muss ja nicht jeden Scheiß mitmachen).

Die Dinger schlugen mir jedoch ganz wunderbar auf den Magen, vielleicht hätte ich einfach nicht zum Arzt gehen sollen, aber wegen der Geschichte mit meiner Lunge, von der mir seit acht Jahren ein kleines Stück fehlt, muss ich leider hin und wieder ein wenig vorsichtiger sein. Erkältung überstanden, nun ging es zum Zahnarzt. Loch im Zahn, Loch muss weg. Ich ließ mir eine Betäubung geben und traf mich abends noch mit Freundinnen zu einem Spaziergang im Park bei 100 Grad minus und einem anschließenden Cappuccino mit Schuss. Den ganzen Tag lang hatte ich nur ein Brötchen gegessen. Vielleicht war es das. Oder ein unglücklicher Zufall. Oder eine verspätete Nebenwirkung der Antibiotika in Verbindung mit der Betäubung.

Jedenfalls war da abends diese Panikattacke. Im Nachhinein fiel mir auf, dass es eigentlich gar nicht die erste Panikattacke meines Lebens gewesen ist. Ich hatte das schon Jahre zuvor hin und wieder gehabt. Das Herzklopfen, die Unruhe, die wie aus dem Nichts in dir aufsteigt, das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, Gedanken, die sich überschlagen und die Angst vor einem Herzinfarkt. Es war nicht die erste Panikattacke, es war einfach nur die erste, die ich als solche erkannte. Ich hatte Todesangst und ich weiß nicht warum das so war.

Mann fuhr mich ins Krankenhaus, ich landete in der Notaufnahme. Auf dem Weg dahin konnte ich immer wieder nur sagen “Ich weiß nicht was mit mir ist.” Eine halbe Stunde saß ich da, dann warf eine Assistenzsärztin einen Blick auf mich, maß mir den Puls, den Zucker, die Sauerstoffsättigung, schloss mich an ein EKG-Gerät an und fragte mich, was ich den Tag über gemacht hatte. Ich erzählte es ihr, beruhigte mich langsam, fing dann wieder an unkontrolliert zu zittern, meine Beine zappelten wie bei einem kleinen Kind und ich dachte die ganze Zeit nur “Was zur Hölle ist das?!”

Die Ärztin meinte, ich hätte bestimmt Prüfungsstress, ich erklärte ihr, dass es kein Prüfungsstress sein kann und sie gab mir Diazepam mit und erklärte, mit mir sei alles in Ordnung und dass ich zum Hausarzt gehen soll, wenn es am nächsten Morgen nicht besser ist.

Die Pille ließ mich selig schlafen, am nächsten Morgen wachte ich auf und das Zittern war wieder da und es verließ mich auch die nächsten Tage nicht vollständig. Ich habe mich ungefähr vier oder fünf Wochen mit dem Gedanken rumgequält, dass ich jetzt jemand bin, der unter Panikattacken leidet. Ich habe mir ein Buch darüber gekauft und ging jeden Abend eine Viertelstunde in der Kälte spazieren, mit Musik auf den Ohren und einer inneren Unruhe und Anspannung, die einfach nicht verschwinden konnte. Mein Hausarzt, den ich am Morgen nach dem kurzen Besuch in der Notaufnahme aufsuchte und den ich fragte, ob das alles vielleicht doch von meiner Schilddrüse kommt, schüttelte den Kopf, die Werte seien noch absolut im Normbereich und das einzige, was er mir raten könnte wäre, es vielleicht mal mit Entspannungsübungen zu versuchen.

Ich machte einen Termin beim Psychologen, wahrgenommen hab ich ihn nie, weil er vier Monate später war und mir diese verstrichene Zeit eine große Hilfe war. Ob das die richtige Entscheidung war, weiß ich nicht, denn generell stehe ich dem Thema offen gegenüber. Sonst würde ich auch nicht darüber bloggen. Ich denke ein Gespräch mit einem guten, sympathischen Psychologen kann eine Hilfe sein, da ist nichts verwerfliches dran, nichts schwaches oder krankes, ganz im Gegenteil.

Das Rezept, das ich an dem Morgen vom Hausarzt bekam, für die Tavor, habe ich eingelöst, aber nie eine davon genommen. Weil ich nicht saudämlich bin. Stattdessen begann ich, Bücher zu lesen. Habe die ersten Tage und Wochen, in denen ich die Unruhe noch verstärkt wahrgenommen habe, überbrückt mit Spaziergängen und Baldrian, was irrsinnigerweise tatsächlich gewirkt hat. Habe die Situationen, von denen man weiß, dass sie bei vielen Leuten Panikattacken auslösen, kein einziges Mal gemieden und fand die Wirkung von dem Diazepam sogar ganz interessant. Man sagt dem Zeug nach, dass es sich erst nach vielen Stunden vollständig abgebaut hat. Das können 72, aber auch 200 Stunden sein und ich habe noch nach 5 Tagen eine sehr seltsame Art von Apathie und Müdigkeit gespürt.

Ich finde es auf irgendeine Art und Weise gut, dass es so ein Zeug gibt, es beruhigt unheimlich, in akuten Situationen und bei Ängsten und Erregungszuständen, ob vor Operationen oder wann auch immer, tut es auf jeden Fall seinen Dienst. Ich glaube, vor meiner Lungenspiegelung damals haben sie mir auch etwas davon gegeben, die Wirkung war ziemlich ähnlich. Leider gibt es Menschen, die das Zeug irgendwann brauchen um überhaupt einschlafen zu können. Und das ist die andere Seite, das macht mir Angst und deshalb frage ich mich, wie man es so leichtfertig verschreiben kann, als Arzt, und es so leichtfertig nehmen kann, als Patient.

Diese Panikattacken kommen und gehen wie sie wollen. Oft bleiben sie wochenlang weg, dann kommen sie innerhalb kürzester Zeit an zwei Tagen hintereinander. Aber sie machen mir keine Angst mehr, weil mir wie gesagt irgendwann bewusst wurde, dass mir das Gefühl vertraut ist. Es ist nichts fremdes, nichts Furcht erregendes mehr.  Es ist eine, durch irgendeinen äußeren Reiz oder innere Anspannung, ausgelöste Angelegenheit, mit der man weitaus besser leben kann als mit vielen anderen Dingen. Man ist dem nicht hilflos ausgeliefert, aber das musste ich selber erst erfahren, Schritt für Schritt, durch Mitmenschen und Informationen aus Büchern und dem Internet, das manchmal tatsächlich doch ganz hilfreich sein kann.

Aber es hält auch Ängste und Neurosen lebendig. Das hat es bei mir, noch Wochen und Monate nach dieser scheiß Panikattacke. Ich war unruhig danach, zittrig, wie gesagt. Eine Mandelentzündung im Februar beschäftigte mich so sehr, dass ich mir Sorgen machte, ob 7 Tage Penicillin wirklich ausreichen, die Bakterien kleinzukriegen. Jahrelang habe ich mir nie Sorgen gemacht wegen einer Entzündung irgendwo im Hals, plötzlich googelt man und erfährt, dass eine nicht auskurierte Mandelentzündung manchmal zu einer Herzbeutelentzündung führen kann. Tatsächlich ist das so eine Sache mit der viele Leute zu leichtfertig umgehen, ich kenne allein drei Leute bei denen genau dieser Fall eingetreten ist und da ist man als kleiner Hypochonder dann wieder irgendwie auf der sicheren Seite.

Weil Schwindel sowieso mein ständiger Begleiter war, musste ein Termin beim Neurologen her, schließlich ein Termin für ein MRT, das nichts zeigte außer einer Nasennebenhöhlenentzündung, die eine HNO-Ärztin später als “chronische Schleimbeutelentzündung” diagnostizierte, was von einem anderen Arzt irgendwann widerlegt wurde, der nur den Kopf schüttelte, sich die Sache nochmal ansah und meinte, das sei nichts chronisches, eine Schleumbeutelentzündung in den Nebenhöhlen gibt es nicht und die Entzündung sei kaum mehr vorhanden.

Das MRT zeigte also nichts auffälliges bis auf die Entzündung und zwei Auffälligkeiten, die in dem Befund, den der Radiologe mir mitgab, als “venöse Malformation” bezeichnet wurden. Das war im März. Und da war wieder die panische Angst. Venöse Malformation. Was ist das, warum hat das mal wieder keiner außer mir, wie lange habe ich noch zu leben?

Ich hielt Rücksprache mit dem Neurologen, er schickte mich zur Sicherheit in die Neurochirurgie nach Marburg, in der Zwischenzeit durchforstete ich das Internet und lernte den Unterschied zwischen arteriovenöser, venöser, kapillarer und lympathischer Malformation, die Ärztin in Marburg lief mit den MRT Bildern durch das halbe Krankenhaus, weil ich so eine Scheiß Angst hatte, sie hielt Rücksprache mit dem Oberarzt der Neurochirurgie und mit dem Oberarzt der Radiologie und entließ mich dann mit dem Hinweis, dass alles halb so wild ist und ich einfach wiederkommen soll, wenn sich Lähmungen bemerkbar machen oder sowas wie ein epileptischer Anfall auftritt.

Was ich mittlerweile weiß ist, dass venöse Malformationen oft als belangloser Nebenbefund bei vielen MRT´s gemacht werden. Kein Grund zur Sorge, auch wenn das alles nicht feierlich klingt. Wahrscheinlich habt ihr auch alle venöse Malformationen und wisst es nur noch nicht. Ätsch. Über Epilepsie bin ich mehrere Male gestolpert, auch dass sie in vielen Fällen nichts mit dem berühmten “Person fällt zu Boden, Augen sind verdreht, Person zappelt wie wild” zu tun hat und es diverse Zusammenhänge gibt zwischen Epilepsie und Migräne.

Wir nähern uns langsam dem, was ich eigentlich sagen will.

Die meisten der Ärzte haben es geschafft, mich zu beruhigen, gefehlt hat mir trotzdem ein bisschen die Aufklärung.  Ich habe in diesem Jahr sehr wenige Romane gelesen, das meiste waren Bücher die sich z.B. mit dem Immunsystem des Menschen, Stoffwechsel, Bewegung, Psychologie, Nahrungsmittelallergien, dem Gesundheitssystem, mit evolutionärer Medizin oder dem Zusammenhang von Ernährung und chronischen Krankheiten befasst haben. Das war die eine Sache, die mir geholfen hat. Schlichtes Wissen war schon immer sinnvoller als vage Informationen, Behauptungen und Thesen, nicht nur was die Gesundheit betrifft.

Dann habe ich wieder angefangen, Sport zu treiben, ich nehme mehr Flüssigkeit zu mir und auch wenn ich Fertiggerichte nicht komplett meide, bin ich mir doch im klaren darüber, dass sie bei mir mal Migräne, mal normale Kopfschmerzen, Müdigkeit, Magen-Darm-Beschwerden und häufige Infekte auslösen bzw. begünstigen.  Wenn man mit Ärzten spricht, dann wird eigentlich viel zu selten die Frage gestellt “Was essen Sie so den ganzen Tag über?” Es wird zwar empfohlen, mehr Obst und Gemüse zu essen, aber dass zu viele Kohlehydrate in Nudeln und Brot verdammt schädlich sein können und warum, und dass es nicht nur darum geht, Chips zu meiden, das sagt einem keiner.

Ich wünsche mir auch auf die Frage nach meinem Beruf, wenn ich antworte “Mediengestalterin, 8 Stunden Bildschirmarbeit”, dass der Arzt voller Entsetzen reagiert und so etwas sagt wie “Ich weiß, sie müssen Geld verdienen, aber Sie werden im Laufe ihres Lebens wegen dieser Arbeit unter vielen Dingen leiden, wenn Sie keinen Ausgleich finden.”

Jeder Arzt sollte, bevor er irgendein Rezept für irgendein Medikament ausstellt, seine Patienten wissen lassen, dass sie mit Sport und vernünftiger Ernährung eine Vielzahl von Dingen in den Griff bekommen und dass, sobald sie das vernachlässigen, nach und nach alle körperlichen Unzulänglichkeiten, die teilweise genetisch vorbestimmt sind und sich nunmal nicht ändern lassen, über sie hereinbrechen und ihnen das Leben zur Hölle machen, früher oder später. Jeder Arzt sollte außerdem wissen und vermitteln, dass alles was einem Menschen innerlich zusetzt, sich irgendwann körperlich äußert, das ist keine Hexerei, keine Behauptung, sondern eine ganz simple Tatsache, einfach zu verstehen, auch für medizinische Laien, und es gilt auch umgekehrt. Es ist im Grunde egal, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war, wichtig ist nur, dass die persönliche Lebensführung und die Gesundheit einander stark beeinflussen und das eine sich nicht ohne das andere verändert.

Wenn ich täglich 72 Lebkuchenherzen esse, tut mir mein Bauch weh und ich werde so langsam aber sicher auch innerlich recht träge. Frohe Weihnachten. Denkt da mal drüber nach, liebe Ärzte, liebe Patienten. Denkt darüber nach, wie elfengeil ihr euch fühlt, wenn ihr Sport getrieben habt.

So etwas sollten Ärzte ihren Patienten einprügeln. Leichte Formen von Depressionen bei Menschen, die einen Job, eine tolle Familie, eine Zukunft haben, behandelt man mit Musik, der Natur, Bewegung, einem Haustier und mit Regelmäßigkeit. Nicht mit Tabletten. Vor allem tabuisiert man es nicht und tut so als würde es nur besonders schwache Leute treffen. Ich will mich jetzt nicht hier unbeliebt machen, aber wir sind mehr oder weniger alle depressiv. Vielleicht ist es ja dem einen oder anderen auch schon aufgefallen.  Wir sollten das so langsam mal akzeptieren und denen, die besonders damit zu kämpfen haben, helfen. Auf sinnvolle Art und Weise. Das geht nicht mit einem Haustier und einem Waldspaziergang, ich weiß, aber mit einer Kombination aus vielen Dingen.

Das Problem ist auf jeden Fall auf der einen Seite, dass Ärzte offenbar nicht über ihr Spezialgebiet hinaus blicken können, was in der heutigen Zeit glaube ich immer weniger Menschen hilft, also denen mit Blinddarmdurchbruch und Leuten, die eine Niere brauchen oder einen Gipsverband, aber sonst offenbar fast niemandem. Und auf der anderen Seite lassen sowohl Arzt als auch Patient es erst so weit kommen, in dem sie Dinge nur symptomatisch behandeln, anstatt ihnen auf den Grund zu gehen.

Dem Arzt fehlt für so etwas oft die Zeit und Möglichkeit, dem Patient das Wissen, aber auch der Sinn für eigenverantwortliches Handeln. Wenn ich höre, dass Leute drei Monate lang mit starkem Husten und Atemnot oder immer wiederkehrenden unerträglichen Bauchkrämpfen herumrennen, ohne einmal deswegen beim Arzt gewesen zu sein, fällt es mir schwer, Verständnis aufzubringen. Am Ende kostet die Dummheit dieser Leute dem Staat viele tausend Euro. Das klingt unromantisch, aber Bluthusten, Fettstuhl und Muskelkrämpfe sind ja bei genauer Betrachtung auch nicht direkt romantisch.

Ärzte lassen zu, dass Pharmaunternehmen ihre kleinen Pimmel tief in deren Ärsche schieben und für die nächsten Jahre entscheiden dürfen, “was den Menschen denn wieder gesund macht und was nicht”. Und viel zu vielen Menschen ist ihre Gesundheit gleichzeitig vollkommen egal. Sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen nicht wahr (über die man im Übrigen auch nochmal streiten kann, aber das würde jetzt wirklich zu weit führen), sie zögern ihr Elend unnötig lange hinaus und – der absolute Klassiker an unmenschlicher Dummheit und Naivität – sie rauchen, anstatt ihre innere Anspannung durch Nägelkauen, Ausdruckstanzen und Türentreten abzubauen, wie ich es tue. Über Raucher werde ich irgendwann mal (sprich: nie)  ein Buch schreiben. Titel: “Wie ich neulich im Puff derbe ausgeflippt bin – Ein Gesundheitsbuch. Gegen Raucher. Für den Weltfrieden. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt.”

Zusammenfassend möchte ich sagen: Mehr Butter bei die Fische. Weil Butter gesünder ist als Margarine. Und weil Fische viele Omega-3-Fettsäuren enthalten. Und wenn euer Arzt euch demnächst nicht so richtig weiterhilft, fragt ihn mal ob er sie noch alle hat.

zitiert

“Ich weiß nicht genau, wer wir waren in jenem Monat. Aber ich weiß, wer ich dadurch geworden bin. Du wirst dich wundern, wenn ich es dir irgendwann einmal erzähle.” (ruhepuls)

I follow rivers

In einer Welt, in der jeder außergewöhnlich ist, habe ich für den Moment einfach mal beschlossen, mittelmäßig zu sein. Ich lese mittelmäßige Bücher, ich schaue mittelmäßige Serien, mein Englisch ist mittelmäßig, ich bin auf Untertitel angewiesen, in jeder Hinsicht, meine Zähne sind mittelmäßig schneeweiß, sprich mittelbeige. Ich habe Schwangerschaftsstreifen und ein normales Verhältnis zu Wiener Schnitzel. Neulich wurde mir klar, dass offenbar unglaublich viele Frauen ein seltsames Verhältnis zu Schnitzel, also zu Essen, haben und weil ich das schlimm und lächerlich und schlimm und dämlich und schlimm und weißderteufelwasnochalles finde, möchte ich das hier erwähnen.

Wenn ich nervös oder ungeduldig oder genervt bin, dann kaue ich Nägel. Ich bin oft nervös. Ich bin nicht die Ruhe selbst. Ich lebe im Dispo. Ich hab noch nie Tofu gegessen. Ich kaufe manchmal bei Esprit ein. Bei vollem Bewusstsein. Neulich habe ich eine Diskussion im Internet verfolgt, in der es darum ging, ob das ok ist, also bei Esprit einzukaufen. Ich war fasziniert und angeekelt gleichermaßen. Ich hab einen außergewöhnlich guten Musikgeschmack, versuche das aber irgendwann nicht mehr extra zu erwähnen, weil es peinlich ist. Weil ich peinlich bin, in diesem Moment.

Um einen guten Musikgeschmack zu haben, muss man übrigens nicht “depressiv” sein. Überhaupt ist das ein Begriff, der mich ankotzt. Er wird ins lächerliche gezogen durch Leute, die den Nebel über ihrer Stadt fotografieren und gerne mal Kastanientierchen anfertigen und zu viel Kifferei mit Depression verwechseln und ihre Augenringe auf Fotos immer so inszenieren, dass sie dem Betrachter sofort auffallen, während alles andere drumherum wunderschön ist. On-Demand-Depression. Die Augenringe müssen gezeigt werden, aber das Haar muss stimmen. Das darf nie beides gleichzeitig scheiße aussehen. Hört auf damit. Ernsthaft. Ihr seid wie Kim Kardashian, nur andersrum. Ihr beißt quasi von gegensätzlichen Enden derselben Salami ab. Aber ich muss mir das ja nicht angucken. Klar. Ich kann ja auch, wenn im Kino zwei Leute vor mir einfach ihre Fresse nicht halten können, aus dem Saal marschieren und mir einen andren Film anschauen.

Als ich vor sieben Jahren anfing mit Befindlichkeitsbloggen, da hat das noch Spaß gemacht. Ich meine, ich war saudumm, aber es hat Spaß gemacht. Tolle Texte gelesen, unglaublich viel gelacht, geweint, genickt, Nasenbluten bekommen vor Begeisterung. Manchmal selber tolle Texte geschrieben. Und es ist nicht schlimm, dass das nicht mehr so ist, dass man zwischen all den Bimmelchen und Glöckchen teilweise Probleme hat, noch schlichte, gute, genial aneinander gereihte Worte ausfindig zu machen. Das ist nicht schlimm.

Etwas anderes ist schlimm. Oder ärgerlich. Oder so geringfügig bedeutend, dass nur ich davon ganz ganz milden Durchfall bekomme. Erinnert ihr euch noch an den Tag, als uns allen bewusst wurde, wie nervig das Internet ist, seitdem jeder 29 Bilder von seinem neuen Auto, der letzten abgefahrenen Party oder irgendeinem extrem grenzwertigen Outfit mit Hüftgürtel schießen und das Netz damit zumüllen kann? Diese gewissen Freunde auf Facebook & Co., die irgendwas missverstanden haben und Dinge posten, die in “unseren Augen” unspektakulär, peinlich und doof sind? Erinnert ihr euch noch daran? Das ist jetzt ein paar Jahre her, mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, dass das Internet nicht nur uns gehört, sondern auch ein bisschen den anderen.

Man gewöhnt sich dran, irgendwie, und irgendwann wird das kein Thema mehr sein, auch wenn es Spaß macht, irgendeinen lachhaften tweet darüber zu schreiben. Zu verfassen, würden einige sagen. Aber wir verfassen nicht, wir nölen nur rum. Nuscheln uns da irgendwas zusammen. Weil wir nämlich größtenteils… also mal so gar nicht… könnte man fast sagen… Schiller und Goethe sind. Vielleicht ist sogar Mario Barth lustiger als wir alle zusammen, aber wir wollen es einfach nicht einsehen. Wir scheiß twitternden Pissnelken und Konsorten.

Mittlerweile gibt es, und ich frag mich gerade ob ich mir das einbilde oder richtig beobachte, eine neue Art der Darbietung, der Prahlerei im Netz. Sie kommt subtiler daher. Leute prahlen nicht mehr mit ihrem Besitz, sondern mit ihren Persönlichkeiten. Und das ist erstmal ziemlich klasse. Aber das beinhaltet dann so Dinge wie Geschmack, Intelligenzquotient, Essverhalten, Ausbildung – eben das was einen Menschen ausmacht – und langsam aber sicher habe ich das ungute Gefühl, dass nur wenige Menschen die Fähigkeit haben, zu prahlen oder bewusst ein bestimmtes Image von sich zu basteln und dabei trotzdem einigermaßen sympathisch zu bleiben.

Plötzlich wirkt alles ein bisschen zu konstruiert. Sogar der simpelste und eigentlich vollkommen normale Minderwertigkeitskomplex. Komplexe, Neurosen und Übermüdung als Kunstform. Es gibt nur ein Oben und ein Unten, dazwischen ist nichts, da darf nichts sein, kein bisschen Mittelmäßigkeit mehr, alles stets außerordentlich, obwohl der ganze Mensch als solches, du, ich, wir alle, der ganze Haufen, mittelmäßig ist und immer sein wird. Und wir uns offenbar alle zu Tode langweilen, weil wir keine echten Probleme mehr haben.

Und über allem geht die Normalität verloren, der ganz normale menschliche Alltag, weil so viele damit beschäftigt sind, ihren inneren als Schweinehund verkleideten Pudel zu dressieren. Zwischen Palmenstrand und Wellblechhütte gibt es nichts, niemand ist mehr nur ein bisschen gebildet, interessiert, launisch, hungrig, besessen.

Das Zeigen mit dem Finger auf andere beweist nicht die eigene Unschuld. Und so sitzt man zwischen den Stühlen und weiß genau, dass man es nicht besser macht. Dass man kein besserer Mensch ist durch die Tatsache, dass man irgendwas erkennt oder glaubt zu erkennen. Das wird man nie sein. Es gibt auf dieser Welt vielleicht drei oder vier bescheidene, großartige, intelligente, mitfühlende Menschen, auf die all das nicht zutrifft, und die wird man nie kennen lernen. Das ist nur eine Vermutung. Eine grobe Schätzung.

Und auf Snoop Dogg lass ich trotzdem nichts kommen.

 

 

Befindlichkeitsbloggen

Die vom Aussterben bedrohte, von Lesern insgeheim am meisten geschätzte, Art des Bloggens, endlich wieder hier, auf dieser von Spinnweben bedeckten, verstaubten, längst vergessenen Plattform des Grauens, von und mit mir, Fritzi Jones… nein wartet… wie war noch gleich der Name… egal… Liebes Tagebuch…

Mir fiel gerade siedend heiß ein, dass ich einen Blog besitze. Schon seit vielen vielen Jahren. Irgendwie habe ich das total vergessen, dabei macht doch dieser Blog ca. 92 % meiner Persönlichkeit aus. Warum habe ich es vergessen? Nun, momentan arbeite ich sehr viel, freue mich, dass ich in einer Woche für ein paar Tage in Portugal sitze, und dort viel lesen und essen und trinken und trinken und lesen und essen und schauen und rülpsen werde. Außerdem versuche ich gerade “Lost” zu verstehen, damit ich nicht mehr dazu gezwungen bin, mich auf twitter darüber zu beschweren.  (Ich bin in der dritten Staffel. Es geht um Pfadfinder, Eisbären, Verständigungsprobleme und negative Kindheitserlebnisse. Ich denke, ich hab´s kapiert.).

Ins Fitnessstudio gehe ich auch. Wieder einmal. Zweimal die Woche. Neulich habe ich einen Kurs mitgemacht. Mit Kurzhanteln und Langhanteln und Matte UND EINEM STEPPBRETT. Und im Hintergrund lief motivierende Musik. Avicii und “Hangover” von Taio Cruz. Und ich dachte so bei mir, während meine Sauerstoffsättigung auf weit unter 96 % fiel: Im Gegensatz zu Taio Cruz werde ich es wohl nicht überleben.

Nochmal zu dem Steppbrett. Steppbretter sind peinlich. Es gibt ja Dinge im Fitnessstudio, die wahnsinnig cool sind. Die Rudermaschine zum Beispiel. Steppbretter hingegen sind nicht cool. Jeder weiß das. Fitnesskurse sind oft nicht besonders cool. Es ist nicht cool, vor einer Spiegelwand zu stehen und zu schnaufen, weil man sich dabei fühlt wie eine fette Ballerina. Das Magische daran ist jedoch, dass alle Frauen, die solche Kurse regelmäßig mitmachen, ungefähr 5x so klasse aussehen und fit sind wie die, die so ein peinliches Wischi-Waschi-Krafttraining machen, bei dem sie nur mäßig ins Schwitzen kommen, weil sie sich wochenlang nicht über die 20 Kilo hinaus trauen und furchtbare Angst davor haben, Muskelberge aufzubauen.

Ich habe beschlossen, jetzt öfter mit anderen vor einer Spiegelwand herumzuturnen. Egal wie peinlich das mit den Steppbrettern ist. Danach ging es mir blendend, auch wenn ich kaum laufen konnte und mir noch drei Tage später meine Unterarme wehtaten. Wenigstens ist es nicht Zumba. Sollte ich mal einen Zumba-Kurs mitmachen, holt mich doch bitte daraus.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Frauen, die Zumba gut finden, auch Jeansröcke, Naildesign und Wandtattoos mögen und eine mehr als 72%ige Wahrscheinlichkeit besteht, dass diese Leute sich auch früher oder später Aufkleber mit den Namen ihrer frisch geschlüpften Babys aufs Heck kleben und sich einmal im Leben erotisch fotografieren lassen.

Ich verurteile das aber nicht. Ich spreche es nur mal eben an, um auf die Vielfalt der menschlichen Rasse aufmerksam zu machen. Und weil mir hin und wieder auffällt, dass man mit solchen Frauen häufig dieselben hirnlosen Diskussionen führt. Und sie sich teilweise selber als intelligente, selbstbewusste Disco-Latinas sehen, aber bei den kleinsten zwischenmenschlichen Konfrontationen, bei denen es eigentlich nur darum geht, für einen kleinen Moment man selbst zu sein und der Welt ein Stück ihres Gleichgewichtes zurück zu geben, nicht in der Lage sind sich klar auszudrücken. Dabei gibt es nichts wichtigeres im Leben als eine klare Ausdrucksweise. Das ist sogar wichtiger als Liebe und Brückentage und Demokratie.

Die Steppbretter sind, wie gesagt, nicht gut für mein Karma, aber es ist ja schonmal ein Anfang, dass mir das überhaupt auffällt. Es ist wie mit den Menschen, die denken, dass sie langsam verrückt werden, was allerdings nie eintrifft, weil grundsätzlich immer diejenigen verrückt werden, die es einfach nicht erwarten und sich nie näher mit dem Verrücktwerden an sich befassen. Die haben nicht den Hauch einer Chance.

Um dieses leicht angeschlagene Karma ein wenig zu pflegen, habe ich letztes Wochenende meinen Freund von einem Polterabend abgeholt, obwohl ich mich bei den ersten zwei Anrufen zunächst schlafend stellte. Ich habe die Chance wahrgenommen mit ungekämmten Haaren, in Kapuzenpulli und vollkommen nüchtern einen Ort aufzusuchen, den man normalerweise aus Sicherheitsgründen nicht stocknüchtern und auch nicht mit ungekämmten Haaren aufsuchen sollte.

Ihr kennt das. Partys auf denen sich Menschen aufhalten, die man schonmal nackt gesehen hat, mit denen einen aber eigentlich nie etwas verbunden hat,  oder Menschen, die das Recht haben, einen scheiße zu finden oder Menschen, bei denen man selber dieses Recht hat oder Menschen, bei denen man sich gerne mal persönlich entschuldigen würde bei einem Bier, in einer unvoreingenommenen Parallelwelt quasi, verbunden mit der Frage, ob sie sich vielleicht auch ein bisschen zurück entschuldigen möchten. All diesen Leuten möchte man aus Sicherheitsgründen nicht nüchtern und mit ungekämmten Haaren begegnen, allerdings tut man es trotzdem, ich jedenfalls, als kleine Übung für zwischendurch, weil ich finde, dass man irgendwann aufhören muss Orte zu meiden, an denen man möglicherweise nicht erwünscht ist oder schief angesehen oder nicht beachtet wird.

Es ist gut, sich manchmal in der Nähe von Menschen aufzuhalten, bei denen man sich der folgenden Tatsache relativ sicher ist: Als der liebe Gott damals dieses und jenes verteilt hat, da waren wir an zwei vollkommen unterschiedlichen Orten.

Und mehr gibt es auch nicht zu erzählen. Außer dass es seltsam ist, wie schnell man Menschen vergisst, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Sogar die, die das halbe Leben lang gut zu einem waren. Mit denen man immer am Küchentisch gesessen und in der Box mit den vielen Knöpfen gewühlt hat und die einem Brote geschmiert haben mit dem Lieblingsgelee und viel zu viel Butter, aber man hat sich nie getraut, es zu sagen, weil es doch irgendwie in Ordnung war, ein Zeichen der Zuneigung. Viele Jahre später empfindet man nur noch Wut und hofft, dass man selber nie so wird in vierzig, fünfzig, sechzig Jahren, wenn man es überhaupt schafft bis dahin. Und dann ist es vorbei, innerhalb von ein paar Tagen, ganz plötzlich, und was man jetzt empfindet ist eine Mischung aus Trauer über eine Person, die man als Kind sehr geliebt hat, und Erleichterung, denn Menschen können auch sehr gemein sein und zornig und falsch, selbst denjenigen gegenüber, denen sie alles zu verdanken haben. Und das ist das, was ich nicht verstehe. Denn ich bin manchmal auch zornig und gemein, aber nicht denjenigen gegenüber, die sich freuen, wenn ich da bin, die stolz auf mich sind, die mir die Hand reichen und mich ruhig stellen auf eine gute Art und Weise.

Dann sitzt man da, auf diesem unbequemen Stuhl in der vorderen Reihe und hofft, dass man nicht weint, weil es nichts zu weinen gibt. Aber dann weint man doch, weil man plötzlich Angst hat, dass der nächste Mensch, wegen dem man da sitzt und vibriert, jemand ist, den man wirklich liebt und schätzt und respektiert.

So ist das. Die dummen und die großartigen Menschen leben ganz nah beieinander.  Auf Wiedersehen.

 

 

 

Zitiert

“Eine Männerhand legt sich aufs Fensterbrett, und ich drücke mich flach an die Hauswand. Irgendwo über mir fängt ein Mann, den ich nicht sehen kann, zu schluchzen an. Der Regen wird stärker. Der Mann steht, sich mit beiden Händen abstützend, am offenen Fenster. Das Schluchzen wird lauter. Man riecht das Bier in ihm.

Und ich, ich kann nicht weglaufen. Ich kann nicht aufstehen. Ich halte mir Mund und Nase zu, krieche ein paar Zentimeter weiter, dicht ans Fundamend gepresst, unsichtbar. Und als ich so durch die Finger atme, überkommt es mich so plötzlich wie ein Schaudern, und auch ich fange zu weinen an. Schluchzer, so heftig wie Erbrechen. Mir krampft sich der Magen zusammen. Ich beiße mir in die Handfläche, der Rotz sprüht mir in die Hände.

Der Mann schnieft; ein lautes, brodelndes Geräusch. Der Regen wird noch stärker, das Wasser zieht mir durch die Schnürbänder in die Schuhe. Die Fetzen des Gedichts in der Hand, habe ich Macht über Leben und Tod. Nur dass ich nichts tun kann. Noch nicht.

Und möglicherweise kommt man nicht in die Hölle für das, was man tut. Möglicherweise kommt man nur für das in die Hölle, was man nicht tut.”

(Chuck Palahniuk – Lullaby)

Maximo Park – The Undercurrents

Ich will was bewegen, ich will nur nicht alleine sein damit.

Vor dreieinhalb Jahren schrieb ich einen Blogeintrag über Heimatgefühle, Fernweh und die Gewissheit, dass es möglicherweise nicht viel braucht, um glücklich zu sein, wenn man nur die richtigen Menschen um sich hat. In der Kleinstadt, auf die sich dieser Eintrag zum größten Teil bezog, wohne ich seit zwei Jahren. Sie ist mir noch mehr ans Herz gewachsen, speziell die kleinkarierten Krawalle, die manchmal an Mitternacht unten auf der sehr hässlichen Straße stattfinden und an denen ich von meinem Schlafzimmerfenster aus indirekt teilnehmen darf.

Ich bin kein Großstadtmensch. Ich bin 27 Jahre alt und ich glaube, dass sich das auch nicht mehr wesentlich ändert. Geschämt habe ich mich nie dafür, weil ich mich eigentlich immer mehr oder weniger großartigl finde, unabhängig davon ob in der Stadt, in der ich lebe, 10.000 oder eine Millionen Menschen wohnen. Ich finde mich oft sogar dann großartig, wenn andere Menschen glauben, dass ich gleich anfangen werde zu weinen. Ich verstehe durchaus, dass es Menschen gibt, die ihre Awesomeness zum größten Teil von Einwohnerzahlen und Freizeitaktivitäten abhängig machen. Man macht wichtige Lebenserfahrungen, wenn man einmal im Leben für eine Weile in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg, London oder New York gelebt und/oder gearbeitet hat und ich finde jede Person toll, die das einfach durchzieht, ganz allein, weil sie Bock drauf hat und den Mut dazu. Nicht weil sie denkt, dass die Gesellschaft es erwartet oder der Freundeskreis, die Familie oder die Arbeitswelt.

Ich habe nicht studiert, diese Erfahrung hat mich also schonmal nicht an viele spannende Orte der Welt gebracht. Ich arbeite nicht in einem Konzern, bei dem ich die Chance habe, auch mal eine Zeit lang im Ausland zu leben. Gesagt zu bekommen, dass ich woanders leben und arbeiten könnte, jetzt so, mit genau dem was ich kann und auch nicht kann, versetzt mich in Panik. Zu wissen oder zu erahnen, was man mit dem bisschen Talent was man hat, vielleicht erreichen könnte, macht mir eine Heidenangst, dann wenn es anderen den multiplen Orgasmus ihres Lebens beschert.

Ich bekomme Heimweh, wenn ich länger als drei Tage lang an Orten unterwegs bin, wo viele Menschen, viel Bewegung, viel Hektik um mich herum ist. Ich fahre viel zu gern Auto und bekomme ein beklemmendes Gefühl beim U-Bahn-Fahren. Klar hätte ich gerne eine Dachterrasse, auf der ich gelegentlich sitzen und auf ein Lichtermeer hinunterschauen kann. Aber ich will nicht 14 Stunden am Tag dafür arbeiten. Ich will vor allem auch mal sagen dürfen, dass ich das nicht will. Ohne dass mich irgendwelche Leute anstarren mit diesem “Oh wie bitter, du willst also keine Karriere und keinen Erfolg”-Mitleidsblick.

Ich will zufrieden sein mit dem, was ich hab und mit dem, was ich nach und nach erreichen kann. Ich will superschwule Dinge sagen wie zum Beispiel “Hört mal, Leute, der Sternenhimmel ist viel schöner als die Skyline eurer Scheiß Stadt mit ihren stickigen Häuserschluchten und den Sternenhimmel kannst du von jedem Ort der Welt aus betrachten.” Weiß der Teufel, warum so viele Leute da draußen das nicht können. Oder es nicht einmal versuchen. Warum sie sich unter Druck setzen lassen. Warum jeder der Beste sein will, obwohl von vorneherein schon klar ist, dass wir mit genau dieser Einstellung alle nur mittelmäßig sein können.

Ich will also, so erbärmlich das klingen mag für den ein oder anderen, erstmal hierbleiben, in dieser kleinen Stadt in Nordhessen, die sich damit rühmt eine “Einkaufsstadt” und eine “Familienstadt mit Zukunft” zu sein, obwohl jeder halbwegs normal denkende Bürger weiß, dass Frankenberg keine Einkaufsstadt ist, denn eine Einkaufsstadt zeichnet aus, dass man dort einkaufen kann, wirklich gut einkaufen kann, besser als in umliegenden Städten und Gemeinden, was in Frankenberg jedoch nicht der Fall ist, ergo verdient es die Bezeichnung Einkaufsstadt nicht. (BESTECHENDE LOGIK, NICHT WAHR?!) Und Frankenberg ist auch keine Familienstadt mit Zukunft. Eher eine Familienstadt ohne Zukunft, denn man muss den Leuten, damit sie hier gerne leben und haufenweise Kinder zeugen wollen, schon etwas bieten und dafür reicht es nicht dreimal im Jahr immer wieder dieselben Feste auszurichten und dann die Zeitungen immer wieder mit Angaben der immer gleich bleibenden Besucherzahlen auf dieselbe Art und Weise darüber berichten zu lassen.

Das Traurige ist nicht, dass in Frankenberg an den meisten Tagen im Jahr überhaupt nichts los ist. Das Traurige ist, dass man hier so tut, als wäre es nicht so. Auf der Homepage der Stadt ist zum Beispiel folgender Satz zu lesen:

“Livemusik und Unterhaltung bis in die frühen Morgenstunden können Sie in unseren zahlreichen Bars und Kneipen erleben.”

Ich weiß nicht, welches Spatzenhirn oder welche Spatzenhirnarbeitsgemeinschaft sich so einen Satz ausgedacht hat, aber (Achtung, es folgt Umgangssprache), das ist ja wohl die größte Scheiße, die ich jemals gelesen habe. Frankenberg hat keine zahlreichen Bars und Kneipen. In zahlreich stecken nämlich die Wörter “zahl” und “reich”, also reich an Zahlen, sprich: viel. Viele Bars, viele Kneipen, in Frankenberg. Ich weiß nicht wie ihr dadrauf kommt, liebe Leute, aber Vöhl´s Heini, der Bierpichler und eine Cocktailbar, in der man sitzen und irgendwelchen Fußballern vom FC Ederbergland dabei zusehen kann, wie sie sich geil fühlen, sind meiner Meinung nach nicht die Definiton von “zahlreiche Bars und Kneipen”.

Hier haben innerhalb von wenigen Jahren mehrere Kneipen dicht gemacht. Wem können wir das in die Schuhe schieben? Nun, zum einen vielleicht den ganzen Vögeln, die irgendwann einfach beschließen, nicht mehr hinzugehen, weil es langweilig wird, an den immer gleichen Orten eine Alkoholvergiftung zu bekommen. Es gibt unter diesen treulosen Tomaten sicher wirklich viele unsympathische Vollidioten, denen man ansieht, dass sie sich eigentlich zu höherem berufen fühlen – zum Beispiel einem unbezahlten Praktikum in einem Vorort von Gießen oder sich auf einer australischen Straußenfarm prostituieren – aber in Wirklichkeit kann man diesen Leuten doch keinen Vorwurf daraus machen, dass sie sich plötzlich anders orientieren. Was wäre das für eine komische, gruselige, eintönige Welt, wenn es nicht so wäre?

Nein, die ausbleibenden Gäste kann man eigentlich nicht beschuldigen. Man kann die beschuldigen, die uns etwas anbieten sollten, diesem Auftrag aber leider nicht nachkommen, weil sie denken, die Zeit bleibt stehen. Und das Rädchen der Zeit dreht sich hier in Frankenberg zugegebenermaßen tatsächlich etwas langsamer, wir freuen uns hier gerade auf die Einführung des Euro, falls ihr es genauer wissen wollt. In Frankenberg ist man schon stolz, wenn man eine “italienische Woche” veranstaltet und auf die pfiffige Idee kommt, die Fußgängerzone mit rot-weiß-grünen Fähnchen zu dekorieren. (Die Fußgängerzone, die per se auch wirklich nur eine Fußgängerzone ist, denn es ist eine Zone in Form einer Straße, durch die man zu Fuß durchgehen kann. Wirklich gut einkaufen oder länger verweilen kann man dort schon lange nicht mehr)

(Habt ihr bemerkt, dass ich soeben das Wort “pfiffig” verwendet habe?!!!!!!!)

Wie auch immer, hier stimmt was nicht. Hier tritt irgendein wirklich guter Komiker in der Ederberglandhalle auf und du erfährst es zwei Tage später, weil du an einem von zwei Plakaten vorbeigefahren bist, die in der Stadt hängen. Ein einheitliches Stadtmarketing wäre z.B. von Vorteil, aber dazu müsste man Leute vor den Kopf stoßen oder mal die Titten auf den Tisch legen oder mal ein bisschen Butter bei die Fische tun. Ein paar Kilometer vor Frankenberg dümpelt so ein großartiges Dampfmaschinenmuseum vor sich hin und niemand hält es für nötig, sich zumindest mal gedanklich näher mit der Möglichkeit zu beschäftigen, dieses Gelände regelmäßiger und öfter und vielfältiger zu nutzen.

Hat man hier Lust etwas zu verändern oder auf die Beine zu stellen, hat man Probleme Menschen gleichen Alters und ähnlicher Gesinnung zu finden, die ebenfalls etwas verändern wollen. Was ist, wenn ich zum Beispiel Mitglied im Kulturring werden will? Ich überlege mir das zweimal, weil ich eigentlich nicht nur auf Leute treffen will, die zwanzig Jahre älter sind als ich. Könnte ich jüngere dazu bewegen, mit mir Mitglied zu werden, damit ich mir nicht blöd vorkommen muss? Ich glaube nicht, das könnte schwierig werden, die meisten sind nämlich irgendwie gleichgültig und fahren lieber in die nächst größere Stadt, das ist bequemer als sich ab und zu mal zu fragen wie man mit kleinen Schritten das Leben in der eigenen Stadt für sich schöner gestalten könnte.

Für Leute zwischen 20 und 40, die nicht komplett dem Klischee des einfältigen Dorftrottels entsprechen, gibt es hier nicht viele Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung und die wird es auch nicht geben, solange man das Problem nicht genau mit den Leuten anpackt, die es betrifft. Ich habe hier manchmal den Verdacht, dass man solche Probleme lösen will, in dem man Leute in die Verantwortung zieht, die von dem Problem gar nicht direkt betroffen sind, weil sie zum Beispiel deutlich älter sind.

Es mag naiv und egoistisch klingen, aber momentan ist es mir – und so geht es vielen in meinem Alter, auch wenn sie es sicher nicht direkt zugeben würden- scheißegal wie rentnerfreundlich diese Stadt ist. Das heißt nicht, dass mir die Rentner scheißegal sind, das bedeutet nur, dass ich mich in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren mit dem Thema “alt werden in Frankenberg” logischerweise überhaupt nicht beschäftigen möchte und sich seit Jahren eine ganze Generation vernachlässigt fühlt. Und mir ist schon klar, dass das Leben auch hier in Frankenberg kein Ponyhof ist, auch wenn es aus der Ferne betrachtet vielleicht so aussieht. Aber gönnt uns doch ein bisschen Spaß.

Was ist zum Beispiel mit Open-Air-Kino? Einem kleinen Festival? Ein Stadtfest, bei dem alle mitmachen, das nicht nur von irgendeinem Verein organisiert wird, der ohnehin nicht repräsentativ ist und längst nicht die Interessen aller umsetzt? Warum liegt Frankenberg an der Eder, aber ich habe nicht die Möglichkeit mich mit meinem dicken Arsch im Sommer in ein Café zu setzen und auf den Fluss zu schauen und dabei einen Milchshake für verdammte 4,20 Euro zu trinken?

Ihr arbeitet daran? Schön, bitte versucht doch Leute in eure Planung mit einzubeziehen, die nicht in den nächsten zwölf Jahren sterben werden oder ganz viel Geld haben oder totlangweilige, weltfremde Ansichten, die zuviel Geld kosten und gar nicht hierher passen. Fragt doch mal normale Leute was sie davon halten, haltet doch mal eine Bürgerversammlung für parteilose Leute mittleren Alters ab, hört euch doch mal die Stimmen aller an und nicht immer nur die Stimmen derjenigen, die unfähig sind, Verantwortung abzugeben. Weil das doch das Problem ist.

Wir leben alle in dieser Stadt, also haben wir auch alle die Verantwortung, dass sich das irgendwie lohnt. Ich will was bewegen, ich will nur nicht alleine sein damit. Und ich will, dass sich das wenigstens ein bisschen lohnt.

Nachtrag: Nachdem ich es mit diesem Beitrag in die heutige Ausgabe der Frankenberger Zeitung geschafft habe, möchte ich auf zwei Sachen hinweisen. Erstens: Obwohl ich die Altersgruppe der 20 bis 40-jährigen angesprochen habe, denen es an Freizeitmöglichkeiten mangelt, heißt das nicht, dass ich automatisch jeden, der älter ist, zu den “Alten” zähle. Zweitens:  Zu den Kommentaren auf der Seite der Frankenberger Zeitung geht es hier entlang. Ich verstehe, dass man mir einige Formulierungen als respektlos auslegen könnte, möchte aber gerne nochmal darauf hinweisen, dass mir eigentlich egal ist, wie alt ein Mensch ist, sondern dass es mir eher darum geht, ob jemand ein kleines bisschen Zukunft zulassen kann. Erfahrungsgemäß fällt das den älteren schwieriger als Menschen meines Alters.

 

 

“Jetzt bin ich aber kaputt von all dem Spaß”

Neulich Nacht wurde ich aus dem Schlaf gerissen, weil da Stimmen zu hören waren. Vor meinem Schlafzimmerfenster, also irgendwo da unten, weil ich ja im dritten Stock wohne. Da waren Stimmen zu hören und erst nach einer verhältnismäßig langen Orientierungsphase verstand ich, um was es eigentlich ging und was die eigentlich von mir wollten. Eine mit Sparten, Hacken, Megaphones und Transparenten ausgestattete kleine angriffslustige Meute hatte sich da unten positioniert und forderte mich lauthals dazu auf, aus dem Bett zu steigen und endlich wieder geil zu bloggen. Ohne Zwischenschritt. Wie früher.

Ich schrie “Was soll das? Man entwickelt sich doch!”, aber das war denen egal. Und als mir am nächsten Tag sogar der Nils in Facebook schrieb, ob ich schonmal darüber nachgedacht hätte, das letzte Wochenende hier zu thematisieren, da wusste ich es ist Zeit, mit dem Füller mal wieder kräftig in die Scheiße zu tauchen, metaphorisch gemeint.

Nur, wo beginnen? Und mit welchen Hilfsmitteln? Woher nimmt man den Mut/die Naivität/die Langeweile? Wie versetzt man sich zurück in die spezielle Lage des Oversexed & Underfucked-Seins verbunden mit dem peinlichen und gleichzeitig dramatischen Wissen trotz aller spirituosenverflechteter Unbedachtheit in den allermeisten Augenblicken eines hellichten Tages und einer düsteren Nacht klüger zu sein als alle lebendigen Wesen dieser Erde zusammen? Vor allem aber: Warum klingt der letzte Satz so wie Adolf Hitler sich oft gefühlt haben muss*?

Ich bin dann im Laufe der nächsten Tage zu dem Entschluss gekommen, dass es ein sinnloses Unterfangen ist, sich in irgendeine Lage zurückversetzen zu wollen, nur um einen kurzen Text zu schreiben, in dem es primär um das Nichtvorhandensein von Lionel-Richie-Musik geht. Es ist am besten, und das betrifft so ziemlich alle Dinge dieser Welt, einfach anzufangen. Wenn man will. Und wenn man nicht will und nicht kann, dann wartet man einfach ab.

Und nun, ganz oldschool, die letzten Wochen. In Stichpunkten. Sodass wie immer so wenige Personen wie möglich den kompletten Inhalt verstehen.

1. Ich werde langsam zu alt für den Scheiß. Und mit Scheiß meine ich folgendes: Wodka-Energy trinken. Bei weniger als 6° nachts um fünf auf ein Taxi warten. Generell: warten. Auf frei gewordene Toiletten zum Beispiel. Ich bin auch zu alt, um mir Jungsprobleme bei wildfremden Mädchen anzuhören und die dann nicht zu kommentieren. Ich meine, wenn die direkt vor mir am Waschbecken stehen, in so einem verdreckten Kabuff, mit ihren Problemen, dann kommentiere ich das natürlich. Lallend. Und dann verlange ich auch, dass die meine Ratschläge annehmen, denn ich bin viele viele Jahre älter als sie und ich verstehe viel mehr von Männern, ganz ehrlich, weil ich teilweise selber einer bin. Ich sage dann so Dinge wie “Ey, ignorier den, sei unabhängig, sei frei, brich bloß nie die Schule ab, am Ende will er eh wieder nur deine Freundin bumsen!” Und dann hoffe ich immer, dass das irgendwie zu ihnen durchdringt, zu den kleinen Spatzenhirnen, die sich teilweise in ihrem Tun schon so geschickt, aber leider oft genug in ihrem Denken noch so unbeholfen anstellen.

2. Die besten Menschen sind an Abenden wie diesen immer die, die sich ab einem gewissen Zeitpunkt hauptsächlich mit Nahrung einzudecken pflegen und diese Freude gerne auch mit anderen teilen möchten. Menschen, die einen eindringlich darauf hinweisen, dass die Wurst fantastisch schmeckt und man es selber ausprobieren sollte. Diese Personen haben verstanden, worum es eigentlich geht. Es geht nicht darum, soviel Spaß wie möglich zu haben innerhalb einer viel zu kurzen Zeit. Es geht auch nicht darum, die ganze Nacht lang möglichst cool auszusehen oder viele interessante Menschen kennenzulernen. Es geht einzig und allein darum, nicht zu verhungern. Es geht darum Handynummern nur mit dem Mann am Grill auszutauschen und mit sonst niemandem. Alle anderen sind unwichtig. Der Mann am Grill, der ist wichtig.

3. Ich bedaure es ein wenig, den diesjährigen 01. Mai nicht ein bisschen so verbracht zu haben wie den im letzten Jahr. Mit elf Cocktails, Pizza und vielen fantastischen Menschen. So wie man ihn eben verbringt, diesen nationalen Feiertag, der den traditionell schönsten Monat des Jahres einleitet. Der Mai ist immer schön. Schon seit 27 Jahren. Egal was das Thermometer sagt oder der Kontostand. Das Glas ist im Mai immer halb voll, die Menschen auch irgendwie, vor allem in ländlichen Regionen … wo Alkohol wenigstens noch eine Rolle spielt!!!

4. Ich habe Berlin, anlässlich der re:publica mal wieder einen Besuch abgestattet. Am 01.Mai ging es hin, Bier trinkend, mit dem Zug und Mareiki, vier Tage später ging es zurück, müde und hungrig, eingequetscht zwischen zwei Damen aus Göttingen. In dieser Zeit habe ich neue, alte Gesichter getroffen und ein rosafarbenes Getränk kennen gelernt, in dem Tequila enthalten ist und das nach dem zweiten Glas eigentlich schon gar nicht mehr schmeckt. Teilweise habe ich mir gewünscht, insgeheim, man säße jetzt in einer kleinen Runde in irgendeiner Kneipe oder auf irgendeiner Couch, würde sich einen guten Film anschauen und Bier trinken und Pizza bestellen und sich einfach kennen lernen wie man ist, unabhängig davon was man hat, macht, will, vorgibt zu wollen oder zu sein. Ich habe festgestellt, dass mich eure Jobs erst interessieren, wenn ihr ein oder zwei Gedanken mit mir geteilt habt. Das war aber auch die erste re:publica, in der die Gespräche ein bisschen über “Hallo, nett dich kennen zu lernen, ich lese deinen Scheiß im Internet!” hinaus gingen. Es war schön, aber es könnte noch viel schöner sein, wisst ihr?

5. Ich habe viel gegessen in den letzten Tagen. Das wars, was ich noch mit euch teilen wollte. Essen ist wunderbar, ich erwähnte es bereits da oben. Essen in Berlin ist auch wunderbar, denn dort ist es gleichzeitig gut und günstig. Ich habe den besten Burger meines Lebens dort gegessen (Er sah fürchterlich aus, war teilweise innen roh, zu viel Gramm für meinen Magen, aber bei Gott, ich schwöre, er schmeckte aus irgendeinem mir unbekannten Grund köstlich) und ich habe die beste Pizza meines Lebens dort gegessen (wagenradgroß und belegt mit allen guten Dingen, die satt und glücklich machen), daneben habe ich auch von etwas unfassbar ekelhaftem gekostet (Süßkartoffeln!!!! Alter!!! Was ist das für eine scheußliche dämonische Kotzpampe?!) und mich möglicherweise etwas zu häufig von Kartoffelsalat ernährt. Ich stelle mir nun die Frage ob man in Berlin auch das für mich beste Eis, den besten Kuchen und die beste Pasta kriegen könnte und ob es sich lohnt nur des Essens wegen eine Art verlängerte Studienreise nach Berlin zu machen, die ich dann später von der Steuer absetzen kann. Vielleicht waren all diese Dinge nur so lecker, weil ich beim Burgeressen einen Sonnenstich hatte und am Donnerstag einen Gin Tonic zu viel trank. Vielleicht war ich auch an diesem Abend noch erfüllt von der Freude, die einem widerfährt, wenn man nur fünf Minuten dem Guten-Tag-Team zuhört, oder von dem Stolz ganz alleine in die richtige U-Bahn eingestiegen zu sein. Ich weiß es nicht, bin jedoch froh, dass ich das erleben durfte. Essen ist Liebe!

…und ich begebe mich nun ins Bett Das war jetzt eine Art Aufwärmtraining. Ich hab meine besten Tage schon lange hinter mir gelassen, man spürt das, bei jedem Wort und jedem Satz, den man sich so durchliest, wenn man überhaupt den ersten Satz zu Ende lesen möchte. Das hier war mal interessanter, bissiger, hier war die Autorin früher vor allem an Sonntagnachmittagen mal in einer besseren Form. Wir wissen nicht, was die Zukunft bereithält, aber die SGE ist jetzt wieder 1. Liga, Borussia Dortmund ist Deutscher Meister, mir ist das vollkommen egal und ihr bleibt mir hoffentlich ein bisschen treu oder tut wenigstens ab und an mal so. Gute Nacht.

*unverstanden