Vor zwölf Jahren war ich mal zehn Tage lang in Frankreich. Ich erinnere mich noch an komisches Essen, ein paar sehr herzliche Menschen und schlecht ausgebaute Straßen. Am Wochenende habe ich der Hauptstadt mal einen kurzen Besuch abgestattet. Da ich schlecht darin bin, in chronoligischer Reihenfolge einen sehr aufregenden Reisebericht zu schreiben, hier nur ein paar Stichpunkte.
1. In Paris sehen eigentlich alle Frauen gut aus. Sie haben zum größten Teil diese natürliche Grazie, nach der du hier in Deutschland manchmal suchen musst. Französische Frauen kleiden sich ganz selten in schreiend lilafarbene Gewänder. Wenn sie neonfarbenen Nagellack tragen, passt das beängstigenderweise zum Outfit und wirkt nicht automatisch nuttig. Sie trampeln nicht über die Straße wie Nilpferde. Einige von ihnen sehen aus wie eine grässliche Kreuzung aus Kim Kardashian und noch irgendwas anderem. Das tut dann schon ein bisschen weh, lenkt aber nicht sonderlich von der Schönheit und Artenvielfalt der anderen Frauen ab. Als Mann ist Paris ein Paradies.
2. Die meisten Pariserinnen passen ihr Schuhwerk den Straßenbedingungen an. Sie tragen Ballerinas, Sneakers, Treter mit Keilabsatz. In angenehmen Farben. Alle paar Meter begegnet einem jedoch ein Exemplar, dass völlig verstört auf 15 Zentimeter hohen Absätzen die Champs-Élysées entlang stolpert. Diese Frauen stehen im krassen Gegensatz zu den jungen Studentinnen, die luftig gekleidet mit dem Fahrrad an ihnen vorbei fahren und viel mädchenhaften, tollen Charme verbreiten. Dutzende Male habe ich mich verliebt in diesen zwei, drei Tagen. Ja, man darf sich als Frau durchaus auch mal in Frauen verlieben.
3. Die Champs-Élysées scheint tatsächlich die prächtigste Straße der Welt zu sein. Wenn man da steht und Richtung Triumphbogen schaut, möchte man weinen, weil es ein so schöner Anblick ist. Sobald man das Viertel wechselt, möchte man ebenfalls weinen. Allerdings nicht, weil es immer noch ein so schöner Anblick ist, sondern weil es stinkt wie Hölle, der Müll auf der Straße rumliegt und man keine vernünftige Fressbude ausfindig machen kann, in der man halbwegs vernünftig essen kann.
4. Wenn du Diabetiker bist, geh da bloß nirgendwo hin und bestell dir ein Crèpes. Tu. Es. Nicht. Ich hab es zweimal gemacht. Einmal an einem Stand auf der Champs-Èlysées, einmal in einem kleinen Café in Montmartre. Beides mal dachte ich, ich müsse verrecken, weil so viel Zucker da hineingeklatscht wurde, dass ich eine zwanzigköpfige Kaffeekränzchen-Gesellschaft damit hätte versorgen können.
5. Freu dich nicht zu früh, wenn es heißt “Wir machen heute Abend eine schöne Bootstour auf der Seine”. Glaub bloß nicht, dass du dich da irgendwo hinpflanzen und Wein schlürfen und den Anblick genießen kannst. Vor allem dann nicht, wenn das irgendein anderer für die Gruppe organisiert. Ich frage mich ja bei solchen Aktionen immer, warum man nicht mal 20 Euro mehr bezahlt und dafür dann ein, zwei schöne Stunden irgendwo verbringen kann. Wo man sitzen und sich solide wegfenstern kann, Herrgottnochmal!!! Nein, da landet man dann bei der ultimativen Massenabfertigungs-Bootstour mit ungefähr drei Millionen anderen Touristen und fühlt sich wie in einem Eisenbahn-Waggon Richtung Konzentrationslager.
6. Die glücklichsten Menschen in Paris sind Obdachlose. Weil die Obdachlosen nämlich kein ganzes Monatsgehalt für ihre 15 m² Wohnung bezahlen müssen. Sie sammeln sich von irgendwoher ein paar Paletten, besorgen sich noch eine Plane und bauen sich dann in irgendeinem Park ein Haus. Dafür haben sie an warmen Oktobertagen einen schönen Ausblick auf irgendeinen Palast und können die Gesellschaft von Tauben genießen. Das kostet nichts und steht im krassen Gegensatz zum normalen Single-Pariser, der zwei Jobs hat und zum kacken vor die Haustür muss.
7. Es gibt zwei Arten von Gastfreundlichkeit in Paris. Die Gastfreundlichkeit und die nicht vorhandene Gastfreundlichkeit. Es kommt einem in dieser sehr kurzen, und somit nicht allgemeingültigen Zeit, so vor, als hätte man beim Essengehen entweder die Wahl zwischen der ein bisschen überforderten, aber superfreundlichen zugewanderten Bedienung und dem hundsgemeinen Ur-Franzosen. Ich wollte zwischenzeitlich behaupten, wir wären Niederländer, weil ich annahm, dass die Franzosen nicht so gut auf Deutsche zu sprechen sind, war mir aber relativ sicher, dass man uns durchschauen würde. Was die Franzosen da den normalen Bürgern so servieren, würde ich möglicherweise nicht mal essen, wenn ich nachts um viertel vor fünf sturzbesoffen nach Hause käme und noch einen richtigen Heißhunger hätte. (Ich bevorzuge dann Fisch aus Konserven oder kalte Pizza oder fantasievolle Toastvariationen)
8. Der Verkehr in Paris ist eine beeindruckende Zurschaustellung südeuropäischer, gänzlich unorganisierter, beinharter Lässigkeit. Dass man sich drauf einigen konnte rechts zu fahren, ist eigentlich auch schon alles. Die Franzosen fahren rechts, wie die Deutschen. Und völlig nach Gefühl, das ist recht undeutsch. Ab und zu gibt es eindeutige Fahrspuren, das ist dann schön, weil irgendwie “überschaubar”. Meistens – vor allem vor, in und kurz nach Baustellen – drängen sich die Autos, Mofas, Lieferwagen, Fahrräder und Reisebusse jedoch unkontrolliert in die nächste freigewordene Lücke. Die Menschen in Paris sind allesamt mit einem gesunden, ja man möchte fast sagen leicht aggressiven Selbsterhaltungstrieb ausgestattet, der mich abwechselnd faszinierte und völlig verstörte.
9. Warum behaupten alle immer, London sei eine so teure Stadt? Von Paris sagen immer alle, sie sei die “Stadt der Liebe”, London ist “teuer”. London ist im Vergleich zu Paris gar nicht mehr so besonders teuer. London ist auch sauberer. London hat natürlich keinen Eiffelturm, der Abends zu jeder vollen Stunde glitzert und blinkt. Ein wirklich großartiger Anblick. Aber alles in allem ist London eine viel tollere Stadt, die ich gerne jedes Jahr zweimal besuchen würde, wenn ich genug Geld verdienen bzw. sparen könnte. Paris würde ich für ein ausgiebiges Frühstück irgendwo auf der Champs-Élysées und einen Besuch im Louvre trotzdem auf jeden Fall nochmal besuchen.
10. Zum Schluss noch etwas, was mir dieses Wochenende wieder einmal bewusst wurde. Ich bin ein ganz schlechter Nichtraucher. Intolerant und grundsätzlich genervt von einer bestimmten Sorte Raucher. Ich hasse nicht alle Raucher. Und die die ich hasse, die hasse ich auch nicht ständig, nur in bestimmten Situationen. Zum Beispiel wenn man irgendwo hin oder irgendwo reinwill und diese Frischluft-Vegetarier noch stehen bleiben und sagen “Können wir noch kurz eine rauchen?” (Mach ich doch auch nicht, dass ich den ganzen Betrieb aufhalte, weil ich irgendwo stehen bleiben und betrunken werden möchte. Und glaubt mir, ich möchte theoretisch ganz oft irgendwo stehen bleiben und erst weitergehen, wenn ich betrunken bin) Oder sich eine Gruppe schlagartig auflöst in zwei, drei, hunderttausend Teile, weil diese Affen sich zusammenrotten zum Qualmen, weil sie offenbar sonst irre werden. Und dann die grundsätzliche erste Frage, immer wenn man irgendwo ist. “Wo ist denn hier der Aschenbecher?”
Am besten sind die Raucher, die irgendwann nervös werden, wenn sie mindestens eine Dreiviertelstunde keine durchziehen können. Die könnte ich – bei allem Respekt – mit voller Wucht gegen die Wand klatschen. So nervös werde ich allerhöchstens, wenn ich schon vor 17 Minuten hätte pinkeln müssen. Wie man wegen ein bisschen Nikotin so abdrehen kann ist mir ein Rätsel. Ihr geht mir auf den Sack, ihr seid schlimmer und nervtötender als Leute, die kein Fleisch fressen und mir fallen jetzt plötzlich auch auf Anhieb mehr coole Nichtraucher als Raucher ein, weil die wenigstens schonmal nicht durchdrehen, wenn sie auf der verdammten Stehparty nur ein Bier in der linken Hand halten können. (Hilfe!!! Wie beschäftige ich meine rechte Hand? Sinnlosigkeit des Seins, wohin damit? Große Probleme des Lebens. Hol dir doch einen runter, wenn dich das so fertig macht, du Vollidiot!) Noch schlimmer als besonders nervige Raucher sind eigentlich nur noch Menschen die Blase und Darm nur in schalldichten, frisch desinfizierten Räumen entleeren können. Die Menschen auf dieser Erde müssen alle mal ein bisschen ruhiger werden, scheint mir. Ich natürlich auch. So innerlich. Joa.