I follow rivers
by Patsy Jones
In einer Welt, in der jeder außergewöhnlich ist, habe ich für den Moment einfach mal beschlossen, mittelmäßig zu sein. Ich lese mittelmäßige Bücher, ich schaue mittelmäßige Serien, mein Englisch ist mittelmäßig, ich bin auf Untertitel angewiesen, in jeder Hinsicht, meine Zähne sind mittelmäßig schneeweiß, sprich mittelbeige. Ich habe Schwangerschaftsstreifen und ein normales Verhältnis zu Wiener Schnitzel. Neulich wurde mir klar, dass offenbar unglaublich viele Frauen ein seltsames Verhältnis zu Schnitzel, also zu Essen, haben und weil ich das schlimm und lächerlich und schlimm und dämlich und schlimm und weißderteufelwasnochalles finde, möchte ich das hier erwähnen.
Wenn ich nervös oder ungeduldig oder genervt bin, dann kaue ich Nägel. Ich bin oft nervös. Ich bin nicht die Ruhe selbst. Ich lebe im Dispo. Ich hab noch nie Tofu gegessen. Ich kaufe manchmal bei Esprit ein. Bei vollem Bewusstsein. Neulich habe ich eine Diskussion im Internet verfolgt, in der es darum ging, ob das ok ist, also bei Esprit einzukaufen. Ich war fasziniert und angeekelt gleichermaßen. Ich hab einen außergewöhnlich guten Musikgeschmack, versuche das aber irgendwann nicht mehr extra zu erwähnen, weil es peinlich ist. Weil ich peinlich bin, in diesem Moment.
Um einen guten Musikgeschmack zu haben, muss man übrigens nicht “depressiv” sein. Überhaupt ist das ein Begriff, der mich ankotzt. Er wird ins lächerliche gezogen durch Leute, die den Nebel über ihrer Stadt fotografieren und gerne mal Kastanientierchen anfertigen und zu viel Kifferei mit Depression verwechseln und ihre Augenringe auf Fotos immer so inszenieren, dass sie dem Betrachter sofort auffallen, während alles andere drumherum wunderschön ist. On-Demand-Depression. Die Augenringe müssen gezeigt werden, aber das Haar muss stimmen. Das darf nie beides gleichzeitig scheiße aussehen. Hört auf damit. Ernsthaft. Ihr seid wie Kim Kardashian, nur andersrum. Ihr beißt quasi von gegensätzlichen Enden derselben Salami ab. Aber ich muss mir das ja nicht angucken. Klar. Ich kann ja auch, wenn im Kino zwei Leute vor mir einfach ihre Fresse nicht halten können, aus dem Saal marschieren und mir einen andren Film anschauen.
Als ich vor sieben Jahren anfing mit Befindlichkeitsbloggen, da hat das noch Spaß gemacht. Ich meine, ich war saudumm, aber es hat Spaß gemacht. Tolle Texte gelesen, unglaublich viel gelacht, geweint, genickt, Nasenbluten bekommen vor Begeisterung. Manchmal selber tolle Texte geschrieben. Und es ist nicht schlimm, dass das nicht mehr so ist, dass man zwischen all den Bimmelchen und Glöckchen teilweise Probleme hat, noch schlichte, gute, genial aneinander gereihte Worte ausfindig zu machen. Das ist nicht schlimm.
Etwas anderes ist schlimm. Oder ärgerlich. Oder so geringfügig bedeutend, dass nur ich davon ganz ganz milden Durchfall bekomme. Erinnert ihr euch noch an den Tag, als uns allen bewusst wurde, wie nervig das Internet ist, seitdem jeder 29 Bilder von seinem neuen Auto, der letzten abgefahrenen Party oder irgendeinem extrem grenzwertigen Outfit mit Hüftgürtel schießen und das Netz damit zumüllen kann? Diese gewissen Freunde auf Facebook & Co., die irgendwas missverstanden haben und Dinge posten, die in “unseren Augen” unspektakulär, peinlich und doof sind? Erinnert ihr euch noch daran? Das ist jetzt ein paar Jahre her, mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, dass das Internet nicht nur uns gehört, sondern auch ein bisschen den anderen.
Man gewöhnt sich dran, irgendwie, und irgendwann wird das kein Thema mehr sein, auch wenn es Spaß macht, irgendeinen lachhaften tweet darüber zu schreiben. Zu verfassen, würden einige sagen. Aber wir verfassen nicht, wir nölen nur rum. Nuscheln uns da irgendwas zusammen. Weil wir nämlich größtenteils… also mal so gar nicht… könnte man fast sagen… Schiller und Goethe sind. Vielleicht ist sogar Mario Barth lustiger als wir alle zusammen, aber wir wollen es einfach nicht einsehen. Wir scheiß twitternden Pissnelken und Konsorten.
Mittlerweile gibt es, und ich frag mich gerade ob ich mir das einbilde oder richtig beobachte, eine neue Art der Darbietung, der Prahlerei im Netz. Sie kommt subtiler daher. Leute prahlen nicht mehr mit ihrem Besitz, sondern mit ihren Persönlichkeiten. Und das ist erstmal ziemlich klasse. Aber das beinhaltet dann so Dinge wie Geschmack, Intelligenzquotient, Essverhalten, Ausbildung – eben das was einen Menschen ausmacht – und langsam aber sicher habe ich das ungute Gefühl, dass nur wenige Menschen die Fähigkeit haben, zu prahlen oder bewusst ein bestimmtes Image von sich zu basteln und dabei trotzdem einigermaßen sympathisch zu bleiben.
Plötzlich wirkt alles ein bisschen zu konstruiert. Sogar der simpelste und eigentlich vollkommen normale Minderwertigkeitskomplex. Komplexe, Neurosen und Übermüdung als Kunstform. Es gibt nur ein Oben und ein Unten, dazwischen ist nichts, da darf nichts sein, kein bisschen Mittelmäßigkeit mehr, alles stets außerordentlich, obwohl der ganze Mensch als solches, du, ich, wir alle, der ganze Haufen, mittelmäßig ist und immer sein wird. Und wir uns offenbar alle zu Tode langweilen, weil wir keine echten Probleme mehr haben.
Und über allem geht die Normalität verloren, der ganz normale menschliche Alltag, weil so viele damit beschäftigt sind, ihren inneren als Schweinehund verkleideten Pudel zu dressieren. Zwischen Palmenstrand und Wellblechhütte gibt es nichts, niemand ist mehr nur ein bisschen gebildet, interessiert, launisch, hungrig, besessen.
Das Zeigen mit dem Finger auf andere beweist nicht die eigene Unschuld. Und so sitzt man zwischen den Stühlen und weiß genau, dass man es nicht besser macht. Dass man kein besserer Mensch ist durch die Tatsache, dass man irgendwas erkennt oder glaubt zu erkennen. Das wird man nie sein. Es gibt auf dieser Welt vielleicht drei oder vier bescheidene, großartige, intelligente, mitfühlende Menschen, auf die all das nicht zutrifft, und die wird man nie kennen lernen. Das ist nur eine Vermutung. Eine grobe Schätzung.
Und auf Snoop Dogg lass ich trotzdem nichts kommen.
so, wollte nur kurz schauen, ob mein kommentar freigeschaltet ist. und jetzt les ich den text hier– du bist abonniert!
Spätestens, seit Sie sich Gedanken darüber machten, wie man gemeinsam das Städtchen, in dem Sie wohnen, aufhübschen könnte, empfinde ich Sie als eine normale junge Frau mit entsprechenden Bedürfnissen.
Würden Sie Ihr Leben ins Netz stellen, wäre da wohl kein Herzschlag, den ich nicht vor zwanzig Jahren so ähnlich schon gehört hätte.
Mit Ihrem vorzüglichen Ausdrucksvermögen könnten Sie wohl humorvolle “junge Literatur” schreiben, von der Millionen sich verstanden fühlen.
Wer im World Wide Web tut denn wirklich “als ob”?
Poesiealben zu gestehen, dass man eigentlich gerne Filmstar wäre, oder aufzutrumpfen wie die im Fernsehen, ist sowas von Alltag, da schmunzelt jeder in der Clique.
Eher muss ich als eifriger Leser von Weblogs froh sein, wenn nicht bereits das Vorwort schwärmt vom Mittelmaß.
Selbst bei den Depressiven geht es ja hauptsächlich um das Tagesgeschäft der Beziehungsarbeit. Als wenn Hausfrauen unter Grippe leiden.
Würde gerne in Ihrem Facebook blättern, wo um alles in der Welt sich da jemand sonderlich dicke tut?
“Es gibt nur ein Oben und ein Unten, dazwischen ist nichts, da darf nichts sein, kein bisschen Mittelmäßigkeit mehr, alles stets außerordentlich, obwohl der ganze Mensch als solches, du, ich, wir alle, der ganze Haufen, mittelmäßig ist und immer sein wird. Und wir uns offenbar alle zu Tode langweilen, weil wir keine echten Probleme mehr haben.”
Dem stimme ich zu. Oft versuchen “wir” uns nach außen hin so zu drehen, wie es anderen gefällt, oder wie wir denken, es könnte anderen gefallen. Witzig sein, originell, intelektuell. Und das merkt man.
[...] Patsy Jones: I follow rivers [...]
Doch. Ist toll (echt jetzt).
Toller Beitrag, sprichst mir aus der Seele.
“Und wir uns offenbar alle zu Tode langweilen, weil wir keine echten Probleme mehr haben.” …. oder nie hatten, aber damals nich so’n Drama inszeniert haben. Ist ja alles Drama heute, alles wichtig… wird aber immer auf vermeintliche Unwichtigkeit runtergespielt – man will sich ja auch nicht lächerlich machen, bescheiden wirken, demütig. Am Ar***.
Hier bei dir hat sich nix geändert und doch irgendwie alles. Der Text klingt wie früher und macht mir ein warmes Gefühl im Oberkörper. Find ick jut, Franzi.
wie auch immer dein text mit diesem artikel zusammenhängt. ich dachte eben an ihn:
http://www.sueddeutsche.de/digital/mobbing-im-internet-der-angekuendigte-tod-der-amanda-todd-1.1502486
[...] Patsy Jones über – ach, auch egal. Einfach lesen. [...]
[...] (via) This entry was posted in Zitate and tagged Depressionen, Hipster, Zeitgeist, Zitate. Bookmark the permalink. Antworten abbrechen [...]
ja!