1. Freitagmorgen. Ich bekomme auf twitter mit, wie Frauen und Männer unter dem Hashtag #aufschrei Erlebnisse offenbaren, in denen sie Opfer sexueller Gewalt oder in irgendeiner Art und Weise belästigt wurden.
2. Ich erwähne den Kunden, der mir mal ein Überraschungsei auf den Tisch legte mit den Worten “Franzi, du spielst und nascht doch bestimmt gerne.” auch wenn ich mir in diesem Moment gar nicht so sicher bin, ob das nicht vollkommen unerheblich ist neben den vielen Geschichten, die wirklich betroffen machen.
3. Es mischen sich auf twitter einige Stimmen darunter (weibliche, aber deutlich mehr männliche), die die Aktion ins Lächerliche ziehen. Ich mache mich auf meine Art über die Männer lustig, je mehr Tweets sich allerdings ansammeln, desto häufiger denke auch ich mir: Was zum Teufel ist denn daran sexuelle Belästigung?
4. Ich schreibe einen Blogeintrag darüber, in dem ich äußere, wie sehr mir einerseits der ganze übertriebene Feminismusscheiß auf die Nerven geht, weil einige von ihnen mich allein mit ihrer Sprache schon aggressiv machen, ungefähr so aggressiv wie all die Männer, die mir in den letzten Jahren gesagt haben, ich soll doch mal lächeln. Unangenehmere Situationen als diese fallen mir erstmal nicht ein. Ich erinnere mich daran, wie ich vor Jahren bei einem Fall, der passiert ist, nicht verstand, wie man sich als Frau in eine Situation begeben kann, in der man von Männern oder Jungs vergewaltigt wird und komme irgendwie zu dem Fazit, dass wir mehr oder weniger alle sexistisch sind, uns jetzt nicht vom jeweils anderen Geschlecht entfernen oder Dinge überdramatisieren sollen und man sich als Frau doch wehren kann, wenn man zum Beispiel in der Öffentlichkeit angefasst oder beleidigt wird.
5. Ich lese Blogeinträge von anderen Frauen, auch Männern und bleibe schließlich bei einem Artikel von Frau Meike hängen, der meine Meinung zum Thema voll trifft und auch Frauen in der Verantwortung sieht (bezüglich eigener Wahrnehmung, nicht immer still halten, die eigenen Grenzen kennen, nicht zur Wehrlosigkeit verdammt sein).
6. Am nächsten Tag lösche ich meinen Tweet, weil er lächerlich ist im Vergleich zu dem, was anderen passiert ist. Ich überlege, meinen Blogeintrag zu überarbeiten oder zu löschen, weil er vollkommen unreflektiert war, auch wenn sich an meiner Einstellung, dass die Verantwortung doch irgendwie nicht allein bei den Männern liegt, sondern wir doch alle irgendwie das Problem sind, nichts groß geändert hat.
7. Ich mache mir den ganzen Samstag Gedanken darüber, ob ich eigentlich jemals direkt (also persönlich) als “Schlampe” betitelt wurde, jemals voller Absicht angefasst oder angegrabscht wurde, mir jemals jemand hinterher gerufen hat “Willste ficken?”. Um mich herum scheint es von Frauen zu wimmeln, für die das Alltag ist. Ich bin wütend (Was für Männer laufen da draußen eigentlich rum?). Ich bin verwundert (Woran liegt es, dass es Frauen gibt, denen das dauernd passiert und Frauen, denen das noch nie passiert ist?)
8. Ich ertappe mich dabei, wie ich es zum Beispiel vollkommen absurd finde, wenn eine Frau im engen Oberteil sich darüber beschwert, häufig angemacht zu werden oder gesagt zu bekommen “Du hast schöne Titten!” Denn auch wenn das oft unterstes Niveau ist ist es doch in keinster Weise auch nur irgendwie gleichzusetzen mit sexueller Belästigung, oder? Wenn man sich selbst mag und sich gefällt und Oberteile mit Ausschnitt trägt und doch weiß, wie viele hormongesteuerte Idioten da draußen rumlaufen, denen die Zunge nunmal etwas lockerer sitzt, muss man dann nicht mit sowas leben? Warum regt ihr euch über so eine Scheiße auf und wir reden jetzt nicht mal alle zusammen über die Frauen, die wirklich Angst haben müssen, die wirklich schlechte Erfahrungen gemacht haben, die wirklich benachteiligt, gedemütigt, verletzt wurden?
9. Ich muss an die Situation denken, in der ich mal vor sieben Jahren von einem alten, betrunkenen Mann angemacht und belästigt wurde und mein damaliger Freund weggesehen hat, weil es ihm wichtiger war, sich vor einer anderen zum Kasper zu machen. Dass ich den Tränen nahe stand und dann ein Typ in der Gruppe den Mumm besessen hat, dem besoffenen Arschloch seine Grenzen aufzuzeigen. Was sagt mir das? War das Belästigung? War ich da ein Opfer? Zeigt mir das vielleicht einfach nur, dass es schlicht und ergreifend besoffene Trottel, verdammte Feiglinge und Menschen mit Mumm in den Knochen unter den Männern gibt? Ich weiß es nicht genau.
10. Ich stelle in den nächten zwei Tagen fest, dass viele Frauen der Meinung sind, dass es pures Glück ist, wenn man nicht von sexueller Belästigung betroffen ist und ich denke: Nein, das kann doch nicht sein, hat man denn nicht ein kleines bisschen Kontrolle über sein Leben? Dass ich noch nicht angegriffen oder gar vergewaltigt wurde, das ist wirklich pures Glück. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Aber das alltägliche Miteinander, die kleinen Demütigungen, die niveaulosen Sprüche… verdammt nochmal… das hat man doch unter Kontrolle! Lebe ich in einer Welt, in der ich nicht mal das unter Kontrolle hab? Das ist traurig, das macht mir Angst, ich will das nicht glauben.
Sind das Opferbeschuldigungen, wenn man als Frau davon ausgeht, dass all die unzähligen Frauen es wenigstens in der Hand haben, ob sie Tag für Tag gedemütigt werden (auf verbaler Ebene). Betreibe ich, wenn das meine Einstellung ist, Opferbeschuldigungen? Ist das nicht traurig? Für mich? Oder haben die es einfach nicht kapiert? Habe ich etwas nicht kapiert?
11. Gestern dann habe ich das dringende Bedürfnis eine simple Grafik zu malen und die auf meinen Blog hochzuladen mit Pfeilen und zwei Männchen, die in zwei unterschiedlich großen Kreisen stehen, die sich in der Mitte überschneiden, weil ich mir einbilde: Das Problem sind die Grenzen, man muss es doch nicht komplizierter machen! Männer erkennen ihre Grenze naturgemäß viel später, das kriegt man nicht so einfach aus ihren Köpfen raus, das sollte man ihnen als Frau zeigen, jeden Tag aufs neue. Warum bringen wir Männern nicht jeden Tag aufs neue bei, dass es sie nicht gibt, die typische Frau, die man bedrängen, übersehen, verletzen, austauschbar machen kann?
Das Bild, das Männer von Frauen haben, muss sich ändern, aber das kann es doch nur, wenn man als Mutter, als Schwester, als Tochter, als Freundin, als Arbeitskollegin jemand ist, der nicht austauschbar, berechenbar, beeinflussbar, fügsam ist. Sind viele Männer einfach so, weil sie eine oftmals unbekannte Frau (auf der Straße, in Bars, Discotheken, auf dem Flur in der Firma, wo auch immer) gar nicht als Individuum wahrnehmen können, sondern größtenteils einfach nur als Objekt, eben weil sie ihrer Meinung nach umgeben sind von fügsamen, austauschbaren Frauen Objekten?
Und ich bekomme Kopfschmerzen von diesem Gedanken, weil ich zu dem Ergebnis komme: Wenn man als Frau in dieser Gesellschaft von allen Seiten beigebracht bekommt, dass man möglichst hübsch und eloquent, charmant und fluffig und brav und ordentlich und in schwierigen Situationen lieber still sein sollte, dann ist das Problem nicht mal eben gelöst durch “Jetzt sei stark (stark? wtf?!!) und wehr dich doch, sei doch keine dumme Kuh!” Und dann kann man auch nicht mit Gewissheit, wenn man seinem Bruder eine super Schwester oder Mutter ist, die intelligent und eigenständig ist, dafür sorgen, dass er nicht irgendwann mal auf dem Heimweg ein Mädchen sexuell bedrängt.
Ich habe meinen Blogeintrag also gelöscht. Weil er einen falschen Eindruck hinterlassen hat, auch wenn ihn sicher nicht besonders viele Leute gelesen haben. Ich habe ihn gelöscht, weil ich nicht allzu erleichtert darüber sein möchte, dass ich noch nie Opfer von schlimmeren Belästigungen wurde.
Ich habe ihn gelöscht, weil mir eben auf der Straße etwas aufgefallen ist, was mir vorher noch nie aufgefallen ist. Ich fuhr an zwei Frauen vorbei, eine davon eher noch ein Mädchen. Sie lief die Straße entlang, warf gelegentlich flüchtige Blicke Richtung Straße und sie fuhr sich durch Gesicht und Haare, eine unsichere “Ich weiß nicht wohin mit meinen Händen”-Geste, die ich sehr gut kenne, weil ich das selber ständig mache, obwohl ich mich weder als sehr unsicher, aber eben auch nicht als sehr selbstbewusst bezeichnen würde. Die andere Frau wartete fünfzig Meter weiter und stand mit verschränkten Armen da, etwas in sich zusammen gesunken.
Mir ist das nie bewusst aufgefallen, weil ständig Frauen um mich herum sind, die sich unsicher durch die Haare fahren, die Arme verschränken oder Blicken ausweichen. Irgendwie ist das schon Normalität geworden. Eher fallen mir dann Frauen auf mit ruhigen Bewegungen, offenem Blick, die durch ihre Haltung Selbstsicherheit ausstrahlen. Solche Frauen sehe ich nicht häufig. Denn sie sind in der Minderheit.
Bei Männern fällt mir hingegen auf, wenn sie zusammen gesunken an mir vorbei laufen, etwas ratlos wirken, zerstreut. So etwas sehe ich nicht häufig, das ist dann sozusagen etwas besonders.
Und bisher dachte ich: Ich muss das so hinnehmen, ohne mir wirklich etwas dabei zu denken. Weil es nichts bedeutet. Es muss mir nichts sagen, dass da draußen viel mehr Frauen eine unsichere Haltung einnehmen. Oder dass ich selber so eine Frau bin. Das hat nichts zu bedeuten, wenn überhaupt, dann dass Frauen nunmal eher passiv sind, nicht so dominant, so selbstbewusst wie Männer.
Und genau das ist der Fehler. Es hat etwas zu bedeuten. Dass mir mehr unsichere weibliche Personen begegnen, allein auf der Straße, ohne dass denen in diesem Moment wirklich was passiert oder gerade passiert ist, das hat etwas zu bedeuten. Dass viele Frauen eine Schutzhaltung einnehmen, instinktiv, selbst die die sich selbst gar nicht unbedingt so sehen wollen, das muss mir etwas sagen.
Und dann habe ich das hier gelesen. Und viele andere Meinungen. Und dass es nicht so schwachsinnig ist von einer gewaltfreien Gesellschaft zu “träumen”. Und dass Menschen wie ich vielleicht unbewusst doch Opferbeschuldigungen machen, ohne es zu wollen, ohne es nur zu ahnen. Und dass ich sehr froh bin das heute nach drei Tagen erkannt zu haben.
Nein, für mich ist das kein Problem, wenn mir ein Mann in die Wange kneift und einen blöden Spruch macht. Wenn der Bus bremst und die Hand eines Fremden landet auf meiner Brust, dann kann das absichtlich oder unabsichtlich gewesen sein. Wenn ich ein Oberteil trage mit einem großen Ausschnitt dann weiß ich, dass mir in den nächsten Stunden weniger Männer in die Augen schauen, weil sie Brüste mögen. Es sind diese Kleinigkeiten, die für mich keine große Rolle spielen. Auf die man sich teilweise einstellt.
Und dass man sich eben drauf einstellt, sagt schon einiges über die Gesellschaft aus. Und ich bin sehr froh, dass wir seit Freitag darüber sprechen, was das überhaupt heißt, dass man sich auf gewisse Dinge “einstellt”. Ein Artikel, den ich auch noch hervorheben möchte, ist dieser hier von serotonic. Das kommt meiner Einstellung am nächsten, wegen dem folgenden Zitat:
“Trotzdem habe ich kein Problem mit Männern; ich fühle mich sogar meist unter ihnen wohler (npi). Vielleicht, weil ich sie als direkter, ungefilterter, ehrlicher empfinde. Vielleicht, weil ich mit anständiger Damenhaftigkeit weniger anfangen kann, als mit offenen Diskussionen in ungeschönter Ausdrucksweise.”
Mir geht es da sehr sehr ähnlich. Und ich kann mich nur sehr sehr vage in die Lage der vielen Männer reinversetzen, denen das alles jetzt auch Denkanstöße gegeben hat und die sich unter anderem jetzt fragen: Was tue ich, wenn ich denselben Heimweg habe wie eine Frau, wie mache ich ihr in der Dunkelheit klar, dass sie sicher ist, dass ich ihr nichts tue, dass ich keiner von denen bin?
Die meisten Männer, denen ich je in meinem Leben begegnet bin, haben einer Frau, so vermute und hoffe ich, nie etwas getan. Haben vielleicht mal kleine Spitzen verteilt, Scherze gemacht, Dinge gesagt, die etwas unter der Gürtellinie sind, aber nie etwas, was mich schweigend und mit einem Gefühl der Ohnmacht und Wertlosigkeit zurück lässt. Viele Frauen, mich eingeschlossen, sind im Gegenzug auch nicht zimperlich und lassen auch mal einen Spruch auf die Menschheit los.
Gestern dachte ich noch, ich müsste mich auch mal fragen wie viele Männer denn eigentlich in den Hobbykeller flüchten vor einer zeternden, unzufriedenen Frau, die jede Handlung ihres Freundes oder Ehemanns als eine Bedrohung ihrer eigenen kleinen Welt ansieht. Gestern dachte ich noch, das könnte man doch genauso gut auch mal thematisieren um den Männern zu zeigen: Beruhigt euch, macht euch jetzt nicht alle Vorwürfe, wir wissen genau, was ihr manchmal so “mitmacht”. Dass jahrelanger Psychoterror einen Mann ebenso zusetzen kann wie ständige Demütigungen und Angst oder Unsicherheit einer Frau zusetzen kann.
Aber, scheiße, darauf muss man nicht genau jetzt extra noch hinweisen um die Schwere des eigentlichen Problems noch zu entkräften. Und ich weiß nicht wie man´s angeht. Ich habe nur die Erfahrung gemacht, dass in jeder einzelnen Lebenslage miteinander sprechen hilft. In Beziehungen, im Job, in der Familie, einfach überall. Wenn wir öfter miteinander sprechen würden, wenn wir uns alle viel besser kennen lernen würden, dann ist das vielleicht langfristig gesehen ein ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung und führt vielleicht dazu, dass man in entsprechenden Situationen andere Leute, die offensichtlich wehrlos sind, in Ruhe lässt. Dass man überhaupt nicht daran denkt, die Wehrlosigkeit auszunutzen. Weil man begriffen hat “Das ist ein Mensch, kein Objekt, mit dem ich machen kann, was ich will”.
Nichts gegen ein gesundes Feindbild, das man aus der Ferne superdoof finden kann. Nichts gegen ein paar liebgewonnene Vorurteile, die einen gelegentlich dazu inspirieren auf dem eigenen Blog eine flammende Rede gegen irgendwelche besonderen “intellektuellen Härtefälle” zu halten. Aber Frauen sind keine Objekte, auch wenn jeder von uns einige kennt, bei denen wir der Meinung sind, dass sie sich leider zu einem machen oder machen lassen.
Das ist alles vollkommen scheißegal in diesem Moment. In dem Moment ist das nicht der Fehler dieser einen Frau. Es ist der Fehler des Mannes, der seine eigenen Grenzen nicht kennt. Vielleicht weil ihm niemand beigebracht hat, dass es Grenzen gibt. Vielleicht, weil man es ihm beibrachte, er es aber wieder vergessen hat, was in dieser Welt, mit diesen Medien und dieser Moral, nicht mal großartig verwundert, auch wenn es nichts entschuldigen darf. Vielleicht, weil seine eigenen Grenzen irgendwann einmal von jemandem überschritten wurden, der mehr Macht hatte.
Meine eigenen Erfahrungen sind in diesem Moment nicht wichtig. Nichtmal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es geht nicht um mich. Es geht nicht um Einzelne. Es geht um uns alle. Frauen und Männer. Uns alle.